SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Rutschen oder schwimmen“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 30.12.2022 16:45 Uhr

Nr. 916

Nicht dass Sie denken, ich neigte zum Schwarzsehen. Wobei das ja nicht das Gegenteil von Hellsehen ist. Weil ja viele Hellseher traditionell eher zum Schwarzsehen neigen. Nehmen wir nur mal den berüchtigten Herrn Nostradamus. Dessen Prophezeiungen sind überwiegend übel. Für das kommende Jahr prognostiziert der französische Apotheker demnach auch wieder Unerfreuliches: Wirtschaftliche Not, die zu Kannibalismus führt, sieben Monate Krieg, Tote, die sich aus der Erde erheben und dann noch einen bösen Papst. Na servus! Zwar sind die Prophezeiungen des Alten ziemlich schwer zu entschlüsseln oder auch nur zeitlich zuzuordnen, aber die oben genannten Voraussagen hat die BILD-Zeitung veröffentlicht. Und die verfügt ja über große Erfahrung darin, aus völlig unklaren Quellen dramatische Geschichten zu klöppeln. Also: Sieht nicht gut aus für die Zukunft.

Um das zu erkennen braucht es allerdings  nicht unbedingt alte Bücher, da reicht auch schon der Blick in aktuelle Berichte zur Klimaentwicklung. Oder zur Biodiversität. Etwa 150 Arten sterben zur Zeit aus. Pro Tag. Pflanzen und Tiere. Das regt die meisten von uns jetzt nicht so wahnsinnig auf, einfach weil wir die meisten der Aussterbenden sowieso noch nie gesehen haben. So dass uns auch die Tatsache, dass wir sie auch nie sehen werden, ziemlich am nach wie vor recht wohltemperierten Hinterteil vorbeigeht. So sind wir halt, und deswegen ist es ja auch so wie es ist. Denn eines sagen die Forscher unmissverständlich: Klimawandel und Artensterben sind menschengemacht.

Das letzte große Sterben ist etwa 70 Millionen Jahre her und damals war der homo sapiens nicht schuld, weil er noch gar nicht erfunden war. Alles kann man uns nun auch nicht in die Schuhe schieben. Immerhin, eins ist sicher: Das neue Jahr wird kommen. Pünktlich wie immer, am 1.1. um 0 Uhr. Das bleibt auch so, weil unser Planet sich auch weiterhin um sich selbst und die Sonne drehen wird, zumindest noch ein paar Millionen Jahre. Wie schon der große Philosoph Udo Jürgens sang: Immer immer wieder geht die Sonne auf. Möglicherweise ist irgendwann niemand mehr da, der sich das anschaut, aber das ist dem Kosmos so wurschd wie uns das Artensterben oder der FDP die Frage, ob man vom neuen Bürgergeld denn auch leben kann.

So stehen wir denn am Totenbett des scheidenden Jahres 2022 und warten auf sein Ende. Das ja gleichzeitig auch die Geburt des Neuen Jahres ist, die dank günstig erworbener ausländischer Knaller, Kracher und Raketen weithin nicht zu überhören sein wird. Etwaige vor sich hingemurmelte Neujahrs-Vorsätze werden so zuverlässig übertönt. Gut so, dann gibt es keine Zeugen.

Ein bisschen was Positives muss aber auch noch kommen: Freuen wir uns über die für den Silvestertag angesagten 14 Grad. Das passt doch gerade, als hätte die Natur die Aufrufe unserer Regierung zum Energiesparen vernommen. Gut, das hängt wahrscheinlich auch irgendwie mit dem Klimawandel zusammen, der traditionelle Wunsch zum Jahreswechsel „Guten Rutsch“ scheint nicht mehr zeitgemäß, wenn man eher ins Schwimmen zu geraten droht. Aber Tulpen zum Weihnachtsschmuck können ja auch ganz hübsch sein und nadeln deutlich weniger. Dieser Tage erreichte mich eine email einer bekannten Verkaufsplattform mit dem schönen Wunsch: „Frohes Wie-neu-Jahr!“ Treffend formuliert.

Ganz althergebracht geht es auf unserem Treppenabsatz zu: Meine Nachbarin Barscheck lädt zu bleifreiem Zinngießen und Silvesterpunsch. Den trinken wir, Schluck um Schluck, bis die gegossenen Klumpen irgendwas Schönes und Aufmunterndes bekommen. Und das alles wünschen wir Ihnen dann.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 30.12.2022 und in "Der Morgen" am 31.12.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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