SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Leere Ranzen“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.12.2022 16:45 Uhr

Nr. 914

Nicht dass Sie denken, ich durchforstete Tag für Tag die überregionalen Medien nach Erwähnungen des Saarlands. Dafür fehlt mir nicht nur die Zeit, sondern auch das einschlägige Lokalpatriotismus-Gen. Sie wissen schon, das kleine Aminosäuren-Dings, das auf der Lyoner-Doppelhelix gleich oberhalb des Zipfels liegt. Natürlich nur bei Bio-Saarländern, deren erstes Fläschchen bereits mit Maggi angereichert war. Damit kann ich als zugereister Gelegenheitsschwenker natürlich nicht dienen.

Leere Ranzen
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 16.12.2022, Länge: 04:14 Min.]
Leere Ranzen

Aber ich lebe lang genug hier, um in Fällen überregionaler Saarland-Bezüge sogleich aufzumerken. So erst kürzlich, als im journalistischen Flaggschiff ZEIT unser Bundesland prominent Erwähnung fand. Und nein, nicht als Größenmaßstab für einen Ölteppich, Waldbrand oder Gletscherabriss! Als Vorreiter ist es dort genannt, und unmissverständlich gelobt: „Das Saarland macht es zwar erstaunlich leise, aber richtig!“ Und als erstes! Steht da. Und was macht es? Es schafft die Schulbücher im kommenden Jahr ab! Ab Klasse 3! Hammer! Aber eben „leise“, weil erfahrungsgemäß größere Änderungen im schulischen Bereich regelmäßig diverse Aufschreie, Shitstörme und Hatespeeches nach sich ziehen. G8, G9, neue Rechtschreibung, alte Sprachen, Grundschrift, Ausgangsschrift oder überhaupt keine Schrift – Sie wissen, wovon ich spreche.

Also erfährt man nun aus der ZEIT, was hier im Gäärdsche Weltbewegendes abgeht. Statt Weltatlas, Mathe- und Deutschbuch zukünftig nur noch ein Tablet im Ranzen. 50.000 davon seien schon verteilt, sagt das saarländische Bildungsministerium. Potztausend!, wie mein alter Lateinlehrer auszurufen pflegte, wenn er sich jugendlich-jovial geben wollte. Das Tablet weiß, der Ausdruck stammt aus dem 16.Jahrhundert, war also schon zu meiner Schulzeit nicht mehr ganz taufrisch.

Nicht nur das geringere Gewicht des elektronischen Lernmittels treibt die ZEIT-Autorin zu wahren Lobeshymnen. Aktualität, zusätzliche Lernmaterialien wie Filmclips, Animationen, Spiele undsoweiter machen das Schöne Neue Lernen so richtig geil. Schon möglich, wahrscheinlich, ich weiß es nicht. Da fehlt mir die Kompetenz. Allerdings wäre meine ohnehin schon deprimierende Schulzeit noch viel trauriger gewesen ohne die Schulbücher aus der Lehrmittel-Ausleihe. Kein Tablet der Welt könnte mir die liebevollen Bemalungen, die geistreichen Kommentare und Anmerkungen der Vorgänger – muss man nicht gendern, ich besuchte ausschließlich altsprachliche Gymnasien – die schokoladeverklebten und dann in der Oberstufe dezent nach Zigaretten duftenden Schulbuchseiten ersetzen. Was heißt schon aktuell – geänderte Grenzen wurden im Diercke mit Filzstift neu gezogen.

Übrigens: Auch Spiele und Animationen waren zu finden: Käsekästchen und Schiffe versenken auf den hinteren Umschlagseiten und in langen Religionsstunden angefertigte Daumenkinos auf den Seitenecken – da kommt so schnell keine App mit. Und wie würde sich heutzutage mein alter Banknachbar Kelle aus der Affäre ziehen, der damals die fehlenden Hausaufgaben mit den ebenfalls fehlenden Seiten in seinem Mathebuch erklärte. Wie gesagt: Dies alles nur als kleiner nostalgischer Nachruf. Ich bin weder Pädagoge noch Lehrer. Digital ist bestimmt besser. Wenn's klappt. Solange es keinen Blackout gibt. Und wenn die Lehrer:innenschaft den neuen Stoff bewältigt.

Meine Nachbarin Barscheck zitiert einen Schulbuchverlagsmitarbeiter, der berichtete: "Bei jeder Messe haben wir Besucher am Stand, die nach bedruckten Folien für den Overheadprojektor fragen." Das war 2019. Vielleicht ein Altphilologe. Aber natürlich nicht im Saarland!

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 16.12.2022 und in "Der Morgen" am 17.12.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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