SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Grundsätzlich“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.12.2022 16:45 Uhr

Nr. 912

Nicht dass Sie denken, es sei immer einfach auf unserem Treppenabsatz. Auch wenn natürlich im Laufe der Jahre die grundsätzlichen Dinge geregelt sind. Nicht unbedingt zur beiderseitigen 100%igen Zufriedenheit, aber doch so, dass meine Nachbarin Barscheck und ich damit leben können. Meistens. Im Konfliktfall muss halt neu verhandelt werden.

Prinzipiell haben wir uns beispielsweise geeinigt, dass im Zweifel technische Fragen eher mein Ressort sind, während Fragen ästhetischer Gestaltung überwiegend in die Hände meiner Nachbarin gelegt sind. Das ist zugegeben eher klassisch bis old school, funktioniert aber ganz gut. Bis auf die Fälle mit verschwimmenden Grenzen: LED-Beleuchtung auf dem Treppenabsatz - ist zwar klar ein technisches Thema, welche Farben die wandelbaren Leuchten aber abstrahlen sollen, aber nun wieder eine Frage der Ästhetik. Solche Uneindeutigkeiten muss man eben aushalten können. Nennt sich Ambiguitätstoleranz und ist echt en vogue seit einiger Zeit. Schauen Sie mal ins Ratgeberregal Ihrer Buchhandlung.

Man kann eben nicht alles prinzipiell regeln. Prinzipiell boykottieren wir selbstverständlich die WM in Katar. Wir gucken nicht. Und lesen nur flüchtig am nächsten Tag die Ergebnisse, sprechen aber nicht darüber. Miteinander sowieso nicht. Barscheck ist allenfalls bereit, Spiele der Frauen-Nationalmannschaft zur Kenntnis zu nehmen. Nun begab es sich aber zu der Zeit, da Infantino Chef der Fifa war, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Bälletretens eine Schiedsrichterin den männlichen Nationalhelden nachpfeifen durfte. Klarer Prinzipienkonflikt: Zwar WM der Männer, aber weibliche Pfeife. Darf man also – bzw. sie, oder darf sie nicht, bzw. er?

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Brunners Welt - „Alles Zufall“
Audio [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 16.09.2022, Länge: 03:59 Min.]
Brunners Welt - „Alles Zufall“

Eine Zwickmühle geradezu Habeck'schen Ausmaßes: Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung bis 2030 oder 2035, aber langfristige Verträge ausgerechnet mit Katar über Flüssiggas-Lieferungen. Konkret ab 2026 für 15 Jahre. Adam Riese rauft sich den Zauselbart. Und was sagte der Wirtschaftsminister zur WM in Katar? Eine „bekloppte Idee“, die „eigentlich nicht anders als durch Korruption erklärt werden kann“. Vielleicht guckt der grüne Robert ja auch nicht. Ein ganz schöner Haufen Ambiguität jedenfalls.

Nichts allerdings gegen die Vielfalt, die Herr Infantino in seiner eigenen Person auszuhalten hat. Er bekundete öffentlich, er fühle sich - an einem einzigen Tag – als Katarer, Araber, Afrikaner, schwul, behindert und migrantisch arbeitend. Und auf Nachfrage schob er noch gleich viermal nach: „Ich fühle mich als Frau!“ Nur offenbar nicht – sagt meine Nachbarin – wie der stinkreiche, privilegierte, weiße Mann mit Glatze und Wohnsitz in Katar. Der er nun mal ist. Muss man alles ja auch erst mal aushalten.

Unser Treppenabsatz übrigens arbeitet zur Zeit an einem Zertifikatsmodell analog zu den gehandelten CO2-Zertifikaten. Wer ein WM-Spiel guckt, zahlt eine entsprechende Spende an die Mädchenabteilung des örtlichen Fußballvereins. Oder dreht seine Heizung um zwei weitere Grad runter. Falls das Spiel von einer weiblichen Fachkraft gepfiffen wird, reicht ein Grad. Analog zum Bäumepflanzen um einen Flug auf die Balearen auszugleichen, kann man auch für eine verfolgte WM-Partie eine zweistündige arte-Doku über das vom Aussterben bedrohte Knollennasen-Hörnchen im australischen Outback gucken. Ist halt nicht einfach mit den Prinzipien. Ganz schnell steht man mal im Abseits.

      

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 02.12.2022 und in "Der Morgen" am 03.12.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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