Brunners Welt - „Alles Zufall“

„Talkin bout my generation“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.10.2022 16:45 Uhr

Nr. 905

Nicht dass Sie denken, ich verlöre langsam den Anschluss. Geriete zunehmend ins Aus, käme nicht mehr mit und checkte so ziemlich nichts mehr. Gut, ein bisschen ist was dran, merkt man ja schon an diesen seltsamen Verbformen. Wir Alten sagen dazu „Konjunktiv“. Und ein Verb ist... aber das führt jetzt zu weit.

Immerhin bemühe ich mich, wenigstens halbwegs up to date zu bleiben. Ich kann ohne weiteres drei aktuelle superfoods nennen. Ich weiß sogar, dass Avocados (trotz Superfood-Status) nicht mehr vegan sind. Weil Bienenvölker, also Tiere, zwangsweise zum Avocado-Feld gekarrt und dort ausbeuterisch genötigt werden, die Pflanzen zu befruchten. Geht gar nicht, hashtag „bee too“.

Auf der Suche nach mentalem upgrade stieß ich jetzt auf einen Artikel über „quiet quitting“ - also den Vorgang, dass junge Menschen nur noch soviel arbeiten möchten, wie es ihr Vertrag vorsieht und wofür sie auch bezahlt werden. Angeblich eine regelrechte Bewegung, eine große community, selbst im traditionell eher arbeitswilligen China praktizieren junge Menschen demonstratives Nichtstun. „Tang ping“ heißt das, übersetzt etwa „Flachliegen“. Bitte keine Missverständnisse: „Liegen!“ Auf dem US-Forum „Antiwork“ tummeln sich mittlerweile Millionen arbeitsmüder Menschen unter dem Motto: "Arbeitslosigkeit für alle, nicht nur für die Reichen!“ Mit leiser Wehmut erinnert sich meine Nachbarin Barscheck an ganz ähnliche Forderungen in der Zeit der Hippies und „Gammler“.

Aber das heute ist natürlich etwas ganz anderes. Es ist eine Bewegung der „Generation Z“, lese ich. Das sind die Nachfolger der „Generation Y“, die wiederum wenig überraschend auf die „Generation X“ folgte. „Z-ler“ ist man mit einem Geburtsjahrgang ab etwa 1996. Aber nur bis ca. 2010, dann kommt „Generation Alpha“. Es geht also weiter nach dem Ende des deutschen Alphabets, Generation Z ist nicht die Letzte Generation. Das sind die, die sich auf Straßen, Plätzen oder an Kunstwerken festkleben. Mit gutem Grund und gutem Kleber.

In der Generation Y gibt es übrigens besonders viele „Henry's“. Nein, da geht es nicht um beliebte Vornamen. Es ist eine Abkürzung für „High Earners, Not Rich Yet“, also „Gutverdiener, noch nicht reich“. Eine Gruppe, die zwischen 100.000 € und 250.000 € im Jahr verdient. Man ist halt immer nur so reich wie man sich fühlt. Und mit so einem Jahreseinkommen ist man eben ein Henry – so definieren es die Marketingler, in deren Interesse und Auftrag solche Generations-Festlegungen produziert werden.

Diese Buchstabenzuweisungen für Geburtenjahrgänge gibt es übrigens noch nicht so lange. Eine „Generation A“ wäre meinen Berechnungen zufolge etwa zu Beginn des 30-jährigen Krieges auf die Welt gekommen – ganz schlechte work-life-balance damals, und „flachgelegen“ wurde zu dieser Zeit auch meist final. Über damalige Jahreseinkommen ist mir nichts bekannt, war aber auch egal, weil es noch kein Marketing gab. Allenfalls Marketenderinnen, aber das ist was anderes. Ich selbst zähle offenbar zu den „Baby Boomern“, formerly known as „Nachkriegsgeneration“, für die Generation meiner Eltern fand ich die Bezeichnung „Generation silent“ - „stille Generation“. Haben halt nicht viel erzählt, war ja erst Krieg und dann Wirtschaftswunder, Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen! Arbeit ist das halbe Leben. Was ja eigentlich auch so eine Art „work-life-balance“ beschreibt.

Wie auch immer: Generation silent bis Generation Y haben für Z eine Menge Arbeit hinterlassen. Die müssen sich jetzt darum kümmern, dass wir die Buchstaben von Alpha bis Omega überhaupt noch brauchen. Viel mehr als den ein oder anderen Konjunktiv kann ich da nicht mehr dazu beisteuern.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 14.10.2022 und in "Der Morgen" am 15.10.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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