Brunners Welt - „Alles Zufall“

„Sag mal Feigling“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 07.10.2022 16:45 Uhr

Nr. 904

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders leicht ins Bockshorn zu jagen. Aber das heißt andererseits auch nicht, dass ich ein ungewöhnlich tapferer Mensch wäre. Ich verspüre keinerlei Bedürfnisse danach, mich an Gummibändern hängend von Talbrücken zu stürzen, mit zweihundertfünzig Sachen über irgendwelche Rennstrecken zu brettern oder allein auf einem kleinen Boot ein Weltmeer zu überqueren. Wobei sich bei diesen Dingen ja auch schon die Frage erhebt, ob so etwas überhaupt eine Frage von Tapferkeit wäre oder nicht eher von Dummheit – oder vielleicht auch nur eine Methode, irgendwelche Hormonüberschüsse loszuwerden. Wofür sich bestimmt auch angenehmere Möglichkeiten fänden.

Schon gar nicht ließe ich aus mir einen Krieger machen, der für wen oder was auch immer, mit der Waffe in der Hand zu Felde zöge. Abgesehen von ethischen Erwägungen über die Frage, was eigentlich das Töten eines anderen Menschen rechtfertigen könnte, gebe ich auch unumwunden zu: Ich hätte Angst. Schiss, Bammel, Muffe. Weil ja der „böse Feind“, ebenfalls mit einer Wumme ausgestattet, in ganz ähnlicher Absicht auf der Suche nach mir wäre. Schon als ich in der Schule zum ersten Male Schillers Satz „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“ zu Gesicht bekam, versuchte ich mich an einer Liste der für mich möglicherweise höheren Güter. Blieb leer.

Meine Nachbarin Barscheck beeindruckte mich viel später mit der Geschichte von der Gruppe von Urmenschen, die in einer Höhle saßen, vor deren Eingang ein hungriger Säbelzahntiger auf sein Abendessen wartete. Irgendwann erhob sich einer der Menschen - wir dürfen vermuten: ein Mann - , schlug sich an die breite Brust und verließ mit den Worten „Dem Mistvieh zeig ich's“ den Zufluchtsort. Dreimal dürfen Sie raten, wer wohl eher zu unserem Vorfahr geworden ist – der Held oder einer der Vorsichtigen.

Zur Zeit gibt es ja einiges, was einem Angst machen könnte. Gerade las ich beispielsweise ein Putin-Zitat, der über den Fall eines Atomkrieges erklärte, Russen würden als „Märtyrer in den Himmel kommen“, die anderen dagegen „einfach verrecken“. Beides scheint mir rational gesehen nicht wünschenswert. Zumal ja auch unerwähnt bleibt, dass die Märtyrer ebenfalls erstmal verrecken, bevor sie den Himmel – wenn man denn an den glauben mag – erreichen. Die USA auf der Gegenseite hoffen weiterhin auf Abschreckung. Sie haben der russischen Regierung detailliert geschildert, wie und womit sie auf den Einsatz welcher Massenvernichtungwaffen gegebenenfalls reagieren würden. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen da geht, aber mich tröstet oder beruhigt der Gedanke keineswegs, dass dem Gegner wahrscheinlich das selbe oder gar Schlimmeres droht – nach meiner Atomisierung.

Außerdem sitzt bei mir die Skepsis über ein System, das darauf beruht, dass man sich gegenseitig so glaubwürdig bedroht, dass beide glauben, dass der jeweils andere die Drohung nicht wahr macht, doch sehr tief. Ist ja auch irgendwie unlogisch. Und funktioniert  nur solange, bis einer mit dem Satz „Macht der je eh nicht“ die Höhle verlässt, um zuzuschlagen. Sag mal Feigling! Ich jedenfalls wäre viel beruhigter, wenn an den entscheidenden Stellen viel mehr Angsthasen säßen - und Angsthäsinnen, selbstverständlich - als irgendwelche Freizeitkrieger und Schreibtischkämpfer. Die Namen, Typbezeichnungen und Bewaffnung der verschiedensten Panzer talkshowtauglich auswendig runterrattern können, aber was Verhandlungen und Friedensstrategien angeht, nicht über den Tellerminenrand hinausgucken können.

Wie antwortet Galilei bei Brecht auf den enttäuschten Ausruf seines Studenten: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“? „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!“

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 07.10.2022 und in "Der Morgen" am 08.10.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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