Brunners Welt - „Alles Zufall“

„Kälteschauer“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.09.2022 16:45 Uhr

Nr. 902

Nicht dass Sie denken, ich hätte jahreszeitlich bedingt schlechte Laune. Mir ist einfach nur kalt. Denn natürlich muss auch auf unserem Treppenabsatz gespart werden. Die Heizung bleibt aus bis... mal sehen, und das Licht auch, solange man sich noch halbwegs orientieren kann und den Weg zum Kühlschrank und auf die Toilette weitestgehend unfallfrei bewältigt.

Warum ich Ihnen das erzähle?   Seit heute morgen vermute ich, so etwas könnte Sie interessieren. Immerhin war der Deutschen Presse Agentur die Körperpflege von Jens Kerstan eine ausführliche Meldung wert, unter der schönen Überschrift: „Hamburgs Umweltsenator geht mit Wecker unter die Dusche“. Und warum? Neigt der gestresste Politiker dazu, unter dem warmen Wasserstrahl noch einmal einzuschlummern? Nein, natürlich nicht. „Ich stelle mir einen Wecker, damit ich nicht zu lange dusche“, erklärt der Vorzeige-Grüne und fügt hinzu: „Als jemand, der morgens mühsam in die Gänge kommt, fällt mir das schwer.“ Das kann ich nachvollziehen. Wer in der Frühe kaum sein eigenes Gewicht ins Badezimmer schleppen kann, soll nun auch noch einen Wecker tragen, möglicherweise mit noch geschlossenen Augen stellen, und dann  – schrecklich!

Übrigens: Ja, es gibt wasserdichte Wecker. Im Netz sprang mir das Angebot „Badezimmer-Dusche-Timer-Wecker mit großer LCD-Anzeige“ ins Auge. Ich gebe ja zu, eine gewisse Technik-Affinität zu haben, allerdings bleibt auch mir rätselhaft, warum das Ding auch die Luftfeuchtigkeit anzeigt. Ich mein – unter der Dusche? Falls Sie sich für so etwas interessieren: Ich will hier natürlich keinen online-Versender empfehlen, nehmen Sie einfach den ersten, der Ihnen einfällt... Auf welche Duschdauer der Hamburger seinen Zeitmesser eingestellt hat, hat dpa übrigens nicht verraten. Ich persönlich schaffe es ja inzwischen unter 1,5 Minuten laufendem Wasser – ruf mich gerne mal an, dpa!

Auch der Focus hat erkannt, dass das Volk in dieser schweren Zeit der Aufmunterung und Hilfe bedarf. Also titelt das Qualitätsblatt online: „3 Schritte, mit denen wir die Kriegs-Angst bewältigen“, und lässt dazu ausführlich einen Trauma-Experten zu Wort kommen. Der zwar dann im Text schon mal zum „Traum-Experten“ wird, aber trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit Bescheid gibt. Zwei häufige Reaktionsmöglichkeiten sieht der Professor: „Aus Kopfschütteln wird personalisierte Wut“ gefolgt von „persönlicher Mobilmachung“ - sprich: Den Keller zum Prepper-Lager umfunktionieren. „Der andere häufige Weg“, weiß der Experte, „ist die Verdrängung.“ Besonders betroffen seien ältere Menschen. Warum? Nun, bei den Jungen gilt: „Da ist noch mehr Energie, sie wollen jetzt nach zwei Jahren Pandemie raus und endlich was erleben.“ Und sei's auf dem Schlachtfeld?, fragt sich meine Nachbarin Barscheck.

Und welches sind nun die drei Expertentipps? Ganz einfach: 1. Manageability, 2. Meaningfulness und 3. Comprehensibility. Der Mann weiß, wie man ältere Menschen anspricht. Aber ein Englisch-Wörterbuch findet sich ja meist noch im Haushalt. Und zu Drittens gibt der Traumatologe auch eine Erläuterung in Alltagssprech: Es geht um das Verstehen der gegenwärtigen Lage. Dazu solle man sich dann einfach selbst sagen:„Ich fühle mich jetzt so, weil das mit meiner Geschichte, mit der Geschichte meiner Familie und der Geschichte meines Landes zu tun hat.“ Kann man auch unter der Dusche murmeln, zum Ticken des Weckers. Ja.

Schon besser? Das wird schon. Sagt auch der Professor: „Es wird wieder besser. Wir Menschen sind lebendige, kreative Wesen.“ Was ein Krieg natürlich schnell mal ändern kann. Schon wieder Kriegsangst! Fangen Sie nochmal bei Erstens an: Manageability. Oder zu deutsch: „Wird schon!“ Sehen Sie?                                      

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 23.09.2022 und in "Der Morgen" am 24.09.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja