Brunners Welt - „Alles Zufall“

„Alles Zufall“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.09.2022 16:45 Uhr

Nr. 901

Nicht dass Sie denken, ich sei einfach zu unflexibel. Zu faul geworden, um mich sprachlich umzustellen. Das weise ich entschieden zurück, ich habe aus Raider Twix werden sehen, aus Gebrauchtwagenhändlern Mobilitäts-Kompentenzzentren und aus einem gelben Rechteck auf dem Bahnsteig einen Smoker's point. Bitte schön, kann ich mit umgehen. Und in allen drei Fällen ist auch der Grund für den sprachlichen Wechsel klar: Irgendwer hielt die neuen Begriffe für „moderner“ - und hatte dummerweise die Macht, deren Einführung durchzusetzen. War also vermutlich Chief Marketing Officer der jeweiligen company.

Geht aber auch ohne fremdsprachliche Übernahmen: Gerade sind beispielsweise aus „Übergewinnen“ „Zufallsgewinne“ geworden. Und unter diesem Namen ist es sogar jemandem wie Christian Lindner möglich, über deren Abschöpfung nachzudenken ohne schwere anaphylaktische Schocksymptome zu riskieren. Dabei wäre in diesem Fall der englische Begriff ausnahmsweise treffender gewesen. Dort heißt der unverhoffte Geldsegen nämlich „windfall profit“, wörtlich etwa „Fallobst-Gewinn“. Also etwas, was dem Unternehmen ohne eigenes Zutun in den empfängnisbereiten Schoß plumpst.

„Zufallsgewinn“ aber klingt irgendwie besser, für Zufälle kann bekanntlich niemand verantwortlich gemacht werden. Unsereiner hat bei diesem Wort bislang eher an Lotto- oder Spielbankgewinne gedacht, die ja in Deutschland bekanntlich steuerfrei eingeheimst werden dürfen. Weshalb auch selbstverständlich keine „Zufallsgewinn-Steuer“ zur Debatte steht, allenfalls eine Umlage. Oder Abschöpfung, bei der ja auch nur der Schaum von der Brühe genommen wird, bevor alles überkocht und den Herd versaut.

Zufall sind die monumentalen Gewinne einiger Energieunternehmen allerdings keineswegs. Sondern Erfolge politischer Entscheidungsträger, die sich ausgedacht haben, dass der jeweils teuerste Strom den Preis für alle Produzenten bestimmen soll. Weswegen die Gaskraftwerke nun kräftig die Gewinne der anderen Energieerzeuger anheizen. Wäre gerade den Ökostromproduzenten ja durchaus zu gönnen, wenn nicht die hohen Preise nun wieder auf die Verbraucher umgelegt würden, also uns. Wobei uns der Staat nun wieder entlasten muss, wofür er gerne das Geld von den „Zufallsgewinnen“ verwenden würde, die er zufällig selbst verursacht hat. Da kann einem schon mal schwindlig werden.

Der Volksmund sagt ja auch „Es gibt keine Zufälle“, wobei das Volkshirn auch nur ahnen kann, was es damit meint. Die vermuteten Zusammenhänge reichen da von Gottes Wille über kosmische Verstrickungen bis hin zu irdischen Verschwörungen. Sogar Einstein soll ja gesagt haben „Gott würfelt nicht“. Wär ja auch blöd für jemanden, der allwissend ist, meint meine Nachbarin Barscheck. Im übrigen verwechseln wir alle nur zu gerne „Zufall“ mit „Wahrscheinlichkeit“. Es ist eben kein besonderer Zufall, wenn im selben Augenblick, in dem eine Uhr stehen bleibt, jemand stirbt. Es wäre vielmehr extrem unwahrscheinlich, wenn das nicht geschähe. Dafür gibt es einfach zu viele Uhren.

Die Wissenschaft dagegen weiß spätestens seit Heisenberg, dass der Zufall durchaus in unserer Welt sein Wesen treibt. Und die Mathematiker wissen von der Schwierigkeit, echte Zufallszahlen zu erzeugen. Falls Sie Bedarf haben, hier als kleines Gimmick eine echte Zufallszahl zu ihrer gefälligen Verwendung: 39. Machen Sie damit was Sie wollen – sollten Sie allerdings irgendwie einen Zufallsgewinn daraus generieren, freue ich mich über eine kleine Umlage. Der Volksmund sagt ja auch: Auf den Zufall bauen ist dumm - den Zufall nutzen ist schlau.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 16.09.2022 und in "Der Morgen" am 17.09.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja