Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Päckchenpacken“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 09.09.2022 16:45 Uhr

Nr. 900

Nicht dass Sie denken, ich bestellte nicht auch gelegentlich das ein oder andere per Internet. Gerade kürzlich z.B. eine neue Maus. Natürlich das Zeige- und Klickgerät für den Rechner, nicht etwa das gleichnamige Lebewesen. Nicht nur, dass ich gar nicht wüsste, was ich mit so einem Nager anstellen sollte – selbstverständlich würde ich niemals irgendein Tier per Online-Bestellung kaufen. Das nur für den Fall, dass sich organisierte Tierschützer:innen unter der geneigten Hörerschaft befinden.

Generell hält sich unser Treppenabsatz sehr zurück mit der Online-Bestellerei, meine Nachbarin Barscheck achtet streng darauf, dass zuerst alle Möglichkeiten der Vor-Ort-Beschaffung geprüft worden sind. Aus gutem Grund, wie sich wieder einmal herausstellte: Meine Maus kam in einem Paket, in dem mühelos eine Kaffeemaschine samt zwei Kilo-Tüten Kaffeebohnen Platz gefunden hätte. Unter mehreren Raummetern Bläschenfolie kauerte verloren die neue Klickhilfe in ihrem bescheidenen Kartönchen von der Größe einer Monatspackung Gingko-Kapseln. Muss ja nicht sein.

Auch wenn uns die Regierung gerade vormacht, wie man durchaus überschaubare Inhalte in Pakete von beeindruckenden Ausmaßen unters Volk bringt. Schon das dritte Entlastungspaket der Ampelkoalition in Sachen Energie- und Inflationskosten steht ja offenbar unmittelbar vor der Auslieferung. Wobei die ersten beiden wohl irgendwie nicht den Weg bis zu unserer Adresse gefunden haben.

Aber diesmal müssten Barscheck und ich ja klar auf der Empfängerliste stehen: Rentner:in mit Zuverdienst-Tätigkeit, das sollte klappen. Auch ohne noch ein Pro-forma-Studium aufnehmen zu müssen. Und die angekündigten 300 Euro Einmalzahlung gleichen immerhin die bisher schon aufgelaufenen Mehrkosten für Heizung, Strom, Benzin und Lebensmittel aus. Nicht ganz natürlich, das käme ja der von Christian Lindner beschworenen Gratismentalität viel zu nahe. Vielleicht reicht ja der Paket-Etat auch noch für ein Halsbonbon oder ein Probetütchen Vitamin-C-Heißgetränk. Funktioniert auch kalt, falls Wasserkochen zu teuer wird. Hauptsache wir werden entlastet.

Vor allem auch von den Belastungen, die die Regierung vorher selbst verordnet hat, wie der Gasumlage. Bei der sich nun auch noch herausstellt, dass auch die Unternehmen, die wunderbar an den Preiserhöhungen verdient haben, gerne an deren Segnungen teilhaben. Die letzten Spritpreis-Anstiege sind auch so ohne erkennbaren Grund geschehen, das man vermuten muss, die Ölkonzerne brauchen demnächst ebenfalls Unterstützung. Auch Verkehrsminister Volker Wissing hat sein Päckchen zu tragen: Er will demnächst Kohle und Rohöl per Schiene durch die Republik rollen lassen, hat nur leider nicht genügend dafür geeignete Waggons. Dann werden halt Güterwagen eingesetzt, die „nicht mehr den geltenden Lärmschutzstandards entsprechen“. Egal, das Kabinett packt die Rumpeldinger mit ins Energiepolitik-Paket.

Apropos Energiepolitik: Wussten Sie, dass sich die Gasimporte nach Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben – bei etwa gleichbleibendem Verbrauch? Und wohin ist das überschüssige, billige, vor allem russische Gas verschwunden? Mit Milliardengewinnen auf dem europäischen Gasmarkt verscherbelt. Klar, dass die Konzerne jetzt dringend ein Unterstützungspaket brauchen, wo dieses Geschäft doch weggebrochen ist. Und Kohle, Fracking und Atomkraftwerke feiern fröhliche Urständ. Wo sind eigentlich die Grünen, wenn man sie mal braucht? Ach so: An der Regierung.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 09.09.2022 und in "Der Morgen" am 10.09.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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