Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Denksport“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.08.2022 16:45 Uhr

Nr. 898

Nicht dass Sie denken, ich... da muss ich jetzt doch erst mal fragen: Denken Sie eigentlich noch? Ich meine zur Zeit? Ich muss gestehen: Ich mach mir nicht mehr so viele Gedanken. Es hat sich einfach nicht wirklich bewährt in letzter Zeit. Früher, da hatte ich schon oft das Gefühl, dass ich Dinge dann auch mal verstanden habe, wenn ich ernsthaft darüber nachgedacht habe. Das klappt jetzt eher nicht mehr.

Nehmen wir nur mal die Probleme mit dem Gas. Ich kann mich erinnern, da gab es anfangs ja zunächst mal lautstarke Rufe nach einem Gasembargo. Also nach Verzicht auf russisches Gas als Sanktion gegen den Angriffskrieg. Noch vor ein paar Monaten gab es sogar einige Studien von Wirtschaftsexpert:innen, die meinten, ja, das könne man wohl machen, damit komme die Wirtschaft schon klar. Erstmal Kohle-Embargo ab August, dann Öl-Embargo zeitnah und bis 2024 wären wir dann auch weg vom Russen-Gas, erklärte Robert Habeck. Guter Plan.

Jetzt hat sich allerdings überraschend rausgestellt, dass sich Putin nicht an die Zeitvorgaben von Herrn Habeck halten will, sondern seinerseits schon mal das Gas abdreht. Geht ja gar nicht! Das sei Erpressung, lese ich in den Zeitungen. Ja sicher. Aber seit wann erwartet man von dem Bestraften, dass er an der Durchführung der Strafe aktiv mitwirkt? Und war nicht das geplante Embargo auch irgendwie sowas wie „Erpressung“? Schon, aber natürlich moralisch gerechtfertigt. Inklusive dem Aufruf an die Bevölkerung für den guten Zweck Opfer zu bringen.

Sie erinnern sich: Frieren gegen Putin, Eiswürfel-Duschen und Coldbrew-Kaffee im Dezember, doppelte Pullover beim Seriengucken im frösteligen Wohnzimmer. Meine Nachbarin Barscheck sammelte schon Mitstreiterinnen für eine Friedens-Strick-Gruppe, da kam die Verlautbarung: Wenn jetzt Deutschland sich einschränken, wirtschaftliche Einbußen hinnehmen oder gar frieren müsste, damit hätte Putin ja praktisch gewonnen. Wie jetzt? Ich dachte, wir wollten... Aber schon tritt der allseits bekannte „Ich-dusche-so-heiß-ich-will“-Kubicki in die Arena und ruft nach Aktivierung von Nordstream 2. Her mit dem Gas! Nimm das Putin! Woraufhin die gleichen Zeitungen schreiben, so ein Rückzieher wäre ja nun wahrlich ein Triumph für Putin. Denken hilft da nur begrenzt weiter.

Oder nehmen Sie die Einlassungen unseres Kanzlers zur Cum-Ex-Affäre: Er kann sich praktisch an nichts erinnern – weiß aber, dass er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Möchten Sie darüber ernsthaft nachdenken? Das ist ebenso vergeblich, wie der Versuch, den Gedankengängen unseres Finanzministers Lindner im Sommer-Interview zu folgen. Der wettert gleich los über das „linke Framing“ bei so einem Begriff wie „Dienstwagenprivileg“. "Dienstwagenprivileg. Reiche. Haben einen Dienstwagen. Ein Privileg, kriegen noch Geld vom Staat. Dienstwagenprivileg. Damit Sie im Bauch schon das Gefühl haben, oh, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen", ereifert sich der empörte Liberale. Um ein paar Sätze später beim Thema „Übergewinnsteuer“ dann die gute alte „Neiddebatte“ aus der eigenen Framing-Kiste zu ziehen.

Kommt halt doch immer nur drauf an, wer wem seinen Rahmen über den Schädel zieht. „Denken ist Glückssache“, sagte unser Lateinlehrer früher immer. Quod erat demonstrandum.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 26.08.2022 und in "Der Morgen" am 27.08.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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