Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Auf zu den Sternchen“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 19.08.2022 16:45 Uhr

Nr. 897

Nicht dass Sie denken, ich säße bis zum Hals im Sommerloch. Obwohl – da hätte man ja noch Aus- oder Überblick. Der Begriff ist ohnehin ein bisschen schwierig. Ein Loch im Sommer? Ist ein Stückchen August polternd im Kalendereck verschwunden wie ein PKW in einer vom Innovationsstau betroffenen Landstraße? Eher nicht. 

Ein Loch ist bekanntlich Nichts in Etwas. Das Sommerloch ist eine Leerstelle im ansonsten dicht gewebten Nachrichtenteppich, die pünktlich  eintritt, wenn der Bundestag Ferien und der Kanzler eine Wanderung macht und  die Opposition ihre auf den nach ihr benannten harten Bänken wundgeriebenen Gesäße salbt. Nachrichten verarbeitende Berufsgruppen verwenden  allsommerlich große Anstrengungen darauf, dieses Loch zu schließen, indem sie an unbedeutenden Meldungen solange ziehen, zerren und zuppeln, bis das Loch zumindest notdürftig bedeckt ist. Das Loch tut dabei das gleiche wie Leser und Leserin: Es gähnt.

Kürzlich haben sich etliche Linguist:innen zusammengetan und einen Aufruf verfasst. So etwas geht natürlich nur im Sommer, weil Linguist:innen das übrige Jahr quasi rund um die Uhr mit unaufschiebbaren, jedenfalls bedeutenden, wichtigen sowie systemrelevanten Tätigkeiten mehr als ausgelastet sind. Aber im Sommer kann man und frau sich schon mal um andere brennende Fragen der Sprachnutzung kümmern. Diesmal – wen wundert's – geht’s um das Gendern. Um den finalen Todesstoß, der der deutschen Sprache zweifellos per Sternchen, Doppelpunkt, Schräg- , Unter- oder Bindestrich versetzt wird. Meinen die Damen und Herren Sprachwissenschaftler.

Besondere Empörung löst bei Ihnen aus, dass sich jemand anmaßen könnte, feministische Aktivistinnen beispielsweise, verblendete Rundfunkredakteure oder Universitätspräsidentinnen, sogenannte geschlechtergerechte Sprache per Zwang einzuführen. Damit würde die Sprache verstümmelt und verschandelt, schließlich sei gerade Sprache ja evolutionär, quasi ohne menschliches Zutun entstanden.

Das hält meine Nachbarin Barscheck für ausgemachten Blödsinn. Sie kann sich noch gut an den Kampf gegen das abwertende „Fräulein“ für unverheiratete Frauen erinnern. Und es gibt wohl noch zahlreiche Beispiele in der Geschichte, wo sich die sprachlichen Gepflogenheiten aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen angepasst haben. Barscheck findet jedenfalls, dass wir uns ruhig etwas anstrengen können, um die Frauen auch sprachlich sichtbarer zu machen.

Auf jeden Fall aber locker bleiben! Wer will, gendert oder lässt es, schlimmstenfalls wir er sich eventuell ein paar grimmige Sprüche anhören müssen. Kein Sprechender oder Schreibender wird für einen fehlenden Doppelpunkt auf dem Scheiterhaufen im Hof der Gender- und Frauenbibliothek enden. Wem das ständige Gegendere gar zu sehr gegen den Strich geht: Wechseln wir für die nächsten zwei Jahrtausende einfach zum generischen Femininum. Irgendwann fühlen sich dann auch die jeweils männlichen Beteiligten fröhlich mitgemeint bei Bauarbeiterinnen, Vorstandschefinnen und Stahlkocherinnen.

Aber ich gebe ja zu, manchmal wäre das zeitgenössische Gendern wirklich tödlich. Was hätte Wilhelm Busch schreiben sollen statt „Drauf so schaun sich fröhlich an / Pilgerin und Pilgersmann“? Stattdessen: Es grinsten froh mit letzter Kraft / zwei aus den Reih'n der Pilgerschaft? Da sei die Göttin vor!

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 19.08.2022 und in "Der Morgen" am 20.08.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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