Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Vorfreude“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 05.08.2022 16:45 Uhr

Nr. 895

Nicht dass Sie denken, ich freute mich nicht auf den Herbst. Sie wissen schon, die Jahreszeit, die anbricht, wenn die Sonne aus unserer Sicht den Himmelsäquator von Norden nach Süden überschreitet, die zur Zeit geltenden Corona-Regeln des Infektionsschutzgesetzes auslaufen und es kommt, wie es in dem schönen Gedicht heißt: „Herbstwind bläst aus voller Backe, färbt die Blätter braun wie...“ Max Otto, der trotz CDU-Parteibuch für die AfD Bundespräsident werden wollte. Und dafür  jetzt bald aus der Union fliegt. Oder fliegen soll.

Ist ja nicht so einfach, ungeliebte Verwandte loszuwerden. Die SPD kriegt den Schröder Gerd ja auch nicht zeitnah vom Hals. Immerhin könnte der Altkanzler sich ja auch noch als nützlich erweisen, meint der Altkanzler – guter Draht zum Gottseibeiuns im Kreml, eine Hand am Gashahn von Nordstream 2 und immer noch kein graues Haar auf dem Kopf! So sieht sich der Alte, wenn er morgens in den Spiegel guckt.  Und mittags und abends.

Und deshalb will er auch, wie er dem STERN im Interview anvertraute, nicht „über jedes Stöckchen springen, das man ihm hinhält“. Wofür ich wirklich Verständnis habe – mit 78 muss man sich mit dem Springen schon ein bisschen zurückhalten. Allerdings möchte er sich auch für nichts entschuldigen, obwohl man das ja nun auch gut im Sitzen erledigen könnte. Ein wenig Starrsinn sei ihm gegönnt, er ist sicher nicht der einzige, der mit den Jahren ein wenig peinlich wird. Davon jedenfalls lassen wir uns den Herbst nicht vermiesen.

Das könnte aber beispielsweise das Münchner Oktoberfest besorgen. Der bayrische Klinikchef Thomas Weiler ist überzeugt davon, dass wir „die Wiesn bitterböse bereuen werden“ - nicht nur wegen vieler Infektionen, sondern auch wegen dem Einschleppen neuer Virusvarianten. Aber die Stadt München hat es sich keineswegs leicht gemacht mit ihrer Entscheidung. „Wir haben uns viel mit der Frage beschäftigt, ob es die Möglichkeit gibt, zu kontrollieren (2G, 3G). Der Aufwand ist jedoch weder personell, noch finanziell noch technisch  möglich“, verlautbart man. Das sind jetzt natürlich alles nicht ausgesprochen medizinische Gründe – und wenn's halt mit Kontrolle nicht geht, dann – geht’s halt ohne.

Weil nochmal absagen, das... geht ja gar nicht. Fragen Sie die FDP oder den Wiesn-Chef Baumgärtner, der erklärt hat „Sechs Wochen vor der Wiesn kann man gerne auch mal positiv auf die Wiesn schauen.“ Richtig, dann ist man bis zum Wiesn-Start längst wieder negativ und bereit für die Reinfektion. Oans, zwoa – gsuffa! Auch der Energieaufwand für den größten Trinker-Convent der Welt, läge „im Promillebereich“ des Münchner Gesamtbedarfs. Und wenn ansonsten Rathäuser, der Bundespräsidentensitz, der Bundestag und die Einkaufszentren ihre Beleuchtung ausmachen, dann muss der Wiesn-Gast nicht im Dunkeln saufen. So is recht.

Meine Nachbarin Barscheck hat ja bereits damit begonnen, Kerzen zu hamstern. Hilft Strom sparen, meint sie, und macht den Herbst und Winter außerdem viel gemütlicher. Noch habe ich ihr nicht gesagt, dass auch das Paraffin für die Kerzen leider aus Erdöl gemacht wird. Oder aus Braunkohle. Ich lasse mich von Barscheck  ja schon auch gerne mal zu einem herbstlichen Rotwein bei Kerzenschein einladen.

Zur Not gäbe es ja auch noch Bienenwachskerzen. Aber ob die ohnehin bedrohten deutschen Immenvölker da noch zusätzliche Produktionskapazitäten haben – ich weiß es nicht. Ich freue mich jedenfalls auf den Herbst – mit etwas Wetterglück noch ein paar schöne Wochen bevor das große Frieren gegen Putin beginnt. To face unafraid the plans that we've made - walking in a winter wonderland.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 05.08.2022 und in "Der Morgen" am 06.08.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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