Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Filz oder Fassonschnitt?“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 29.07.2022 16:45 Uhr

Nr. 894

Nicht dass Sie denken, ich sei ein alter, deutscher, weißer Mann, eine Kartoffel, ein Sauerkrautfresser und Bierhumpenstemmer. Also schon, bin ich natürlich alles, keine Frage. Das sind mögliche Antworten auf die berühmte philosophische Grundfrage „Wer bin ich und wenn ja wieviele?“. Alter Spruch aus seligen Sponti-Zeiten. Der Philosoph Precht  hat ihn nur gewinnbringend als Buchtitel verwendet.

Ein Fall von kultureller Aneignung, sozusagen. Wie übrigens auch etliche der eingangs aufgeführten Zuschreibungen. Alt... ja, doch, wohl, auch wenn man ja immer nur so alt ist, wie man sich fühlt. Also: alt. Deutsch, ok, steht so im Pass. Kartoffel ist allerdings gewiss kein urdeutsches Gemüse. Die Knolle stammt aus Südamerika. Das Sauerkraut wurde in China erfunden und das Bier in Mesopotamien. Ist ein bisschen schwierig mit der kulturellen Identität...

Daran dachte ich, als ich kürzlich las, dass in der Schweiz das Konzert einer Band abgebrochen wurde, weil die durchwegs weißen Musiker:innen u.a. Reggae spielten und einige von ihnen Dreadlocks trugen. Unzulässige kulturelle Aneignung meinten der Veranstalter und einige Zuhörer:innen. Ähnliches geschah ja auch schon im März einer Musikerin mit der Filzfrisur, die bei einer „Fridays-for-future“-Veranstaltung nicht spielen durfte. Es sei denn, so schrieb man, sie sei bereit, sich die Haare schneiden zu lassen. Also ehrlich – ich finde das schwierig.

Und das nicht nur, weil ich in meiner Jugend oft genug ähnliches zu hören bekam. „Schneid dir erstmal die Haare, dann kannst du auch...“ war genauso Standard wie „Geh doch nach drüben!“ Darf man als weißhäutiger Mensch (auch schon eine schwierige Kategorie angesichts der möglichen Pigmentierungsstufen des homo sapiens) Dreadlocks tragen? Sind die nicht das Zeichen der Rastafari-Bewegung? Bzw. der schwarzen Freiheitsbewegungen? Ja, schon. Aber die Rastafari  haben die Idee aus der Bibel. Und seine Haare verfilzen zu lassen, ist in zahlreichen Kulturen beheimatet, einige davon auch hellhäutiger Menschen. Gut, das weiß natürlich kaum einer oder eine der Lockenträger:innen.

Ich finde ja, dass die Bewertung so einer Frisur auch von der Haltung abhängt, aus der heraus sie getragen wird. Vielleicht will sich da jemand sichtbar solidarisieren? Und das wäre doch deutlich etwas anderes, als beispielsweise die widerliche Selbststigmatiserung der Impfgegner mit gelben Sternen. Und warum sollte ein „weißer“ Musiker keine Reggae-Musik spielen dürfen? Wohl aber Rock, Rhythm'n Blues, Gospel – allesamt von der afroamerikanischen Kultur übernommen – oder geklaut, wenn man so will. Und was ist mit Folk-Musik aus aller Herren und Damen Länder?

Meine Nachbarin Barscheck findet es beispielsweise respektlos, wenn die stinkreiche und berühmte Madonna sich mit einem Bindi, also dem hinduistischen roten Punkt auf der Stirn, schmückt. Aber auch nicht mehr oder weniger, als wenn sich Hinzin und Kunzin schmückende Kreuze um den Hals hängen, gerne mit Brillis verziert und ohne jeden christlichen Hintergedanken. Ist halt Mode.

Natürlich kann sich auch die Aufsichtsratsgemahlin oder deren Sohn für einen Haufen Geld beim Coiffeur ihres Vertrauens Dreadlocks machen lassen. Der Kapitalismus hat schon immer aus Symbolen und Ikonen jedweder Richtung das gemacht, was er am besten kann: Kohle.

Es gibt ebenso reiche People of Colour wie arme weiße Frauen. Oder Männer. Und darüber könnte man schon auch mal diskutieren. Beim Friseur oder so.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 29.07.2022 und in "Der Morgen" am 30.07.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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