Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

"11 Freundinnen sollt ihr sein"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.07.2022 16:45 Uhr

Nr. 893

Nicht dass Sie denken, ich wollte mich nur mal wieder bei meiner Nachbarin Barscheck lieb Kind machen. Und ich bin auch nicht plötzlich zum Fan jener Sportart geworden, bei der zweimal elf Menschen sich nach komplizierten Regeln um einen Ball streiten. Aber in letzter Zeit habe ich mir tatsächlich einige Spiele der Fußball-EM angeschaut.

Ja natürlich „der Frauen“ - unsere National-Jungs dürfen ja dieses Jahr im Herbst in Katar auf den Ball und für die Menschenrechte eintreten. Für die EM-Frauen jedenfalls läuft es richtig gut – Halbfinale erreicht und alle Aussichten offen! Offenbar aber tut Mann sich doch auch im Jahre 22 noch ein wenig schwer mit der Tatsache, dass es tatsächlich weibliche Vertreterinnen der Gattung homo ludens sind, die da das Spiel machen.

Auf der Fachseite fußballnationalmannschaft.net las ich über den deutschen EM-Kader den feinen Satz: „Es ist schwer einen herausragenden Spieler herauszuheben.“ Glaubt man sofort – ist ja keiner dabei. Abgesehen davon: Selbst wenn, wäre es natürlich schwer – so ein Sportskerl wiegt ja um die 80 Kilo. Mindestens so schwer jedenfalls, wie einen korrekten deutschen Satz zu formulieren. Aber sei's drum.

Weitaus schwerer wiegt, dass der berüchtigte gender-pay-gap, also die Ungleichbezahlung von Frauen und Männern, auch im Fußball klafft. Und zwar sogar deutlich weiter als im normalen Leben. Da kriegen Frauen bei uns im Schnitt 18% weniger auf die Hand. Die National-Fußballerinnen bekämen bei einem EM-Sieg 60.000 Euro. Pro Spielerin. Das ist Rekord bislang. Bevor Sie jetzt aber vor Freude in Ihren Fanschal beißen, sollten Sie wissen, dass die ausgelobte Prämie für die Herren letztes Jahr bei 400.000 Euro lag. Pro Nase. Das ist immerhin das Sechseinhalbfache.

Liegt daran, sagt der DFB, dass die Männer halt auch viel mehr Einnahmen generieren. Ist klar. „Frauenfußball ist wie Pferderennen.Nur auf Eseln.“ Ein Spruch, der Bundesligaspielerin Saskia Matheis noch im Ohr klingelt. So wie Kollegin Tabea Kemme der Satz : "Die ist auch richtig heiß, ne? Die würde ich auch mal wegbügeln wollen." Herrschaften! Muss mann sich denn immer noch für seine Geschlechtsgenossen schämen? Wie lange brauchen wir denn, bis wir die ultimative Kränkung unserer XY-Seele weggesteckt haben, dass die gute alte Regelung von 1955 außer Kraft gesetzt wurde? Da hieß es noch, die „Kampfsportart“ Fußball sei „der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd“, Körper und Seele erlitten unweigerlich Schaden und „das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“. Darauf einen Dujardin!  Klare Worte – seit 1970 nix mehr wert. Gottseidank.

Meine Nachbarin Barscheck würde die pöbelnden Stammtisch-Fans ja gerne mal gegen unsere Fußballfrauen beim Elfmeterschießen ins Tor stellen. Ihr ist noch in guter Erinnerung, wie die Boxerin Regina Halmich damals Herrn Stefan Raab im Ring die große Klappe schloss. So immer gerne, meint sie, klappt bestimmt auch per Ball. Was das Geld angeht, dazu hat sich sogar Olaf Scholz in der vergangenen Woche per Twitter geäußert: „Wir haben 2022. Frauen und Männer sollten gleich bezahlt werden.“ Aber das zeigt natürlich nur seine Ahnungslosigkeit. DFB-Direktor Oliver Bierhoff jedenfalls meinte dazu onkelhaft: „Ich lade ihn gerne mal ein, dann kläre ich ihn ein bisschen besser über die Zahlen auf.“  Ja, so machen wir das.

Also wie gesagt – nicht, dass ich mich nur bei meiner Nachbarin... Sie wissen schon. Falls sie allerdings am Wochenende ihre berühmten Linsen mit Spätzle kochen sollte – ich würde eine Einladung annehmen.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 15.07.2022 und in "Der Morgen" am 16.07.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja