Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Sylt oder Nichtsylt“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.07.2022 16:45 Uhr

Nr. 892

Nicht dass Sie denken, ich würde mich jetzt hier auch noch über die Hochzeit auf Sylt erregen wollen. Sie wissen schon, die von Christian Lindner und Franca Lehfeldt. Als hätten wir sonst keine Probleme. Es war ja wohl im wesentlichen seine Kohle, die das Event gekostet hat, die steuerfinanzierten Sicherheitsmannschaften sind bei jedem großen Fußballspiel am Start – nur als ein Beispiel – und dass Herr Merz, wie es in der gehobenen Mittelschicht nun mal üblich ist, mit dem Privatjet einfliegt, haben wir doch nicht anders erwartet.

Nicht einmal über die kirchliche Trauung der beiden Nicht-Kirchen-Mitglieder muss ich mich noch öffentlich empören, das hat ja schon Frau Käßmann gewohnt zuverlässig erledigt. Im Übrigen hat Christian Lindner selbst seine durchaus spirituelle Motivation für das kirchliche Ja-Wort dargelegt mit dem Satz: „Es gibt ein Mehr, das über uns beide und unser gemeinsames Leben hinausweist.“ Nicht ganz so knackig wie sein meistzitierter Spruch „Probleme sind nur dornige Chancen“, aber doch ein postkartenreifer Ausspruch des Nebenerwerbsphilosophen. Alles andere sind Stilfragen.

Viel aufregender scheint mir da zu sein, was Rainer Dulger, seines Zeichens Arbeitgeberchef, uns via Süddeutsche Zeitung mit auf den Weg in die Krise gibt. Denn, soviel steht für den Mann fest: „Wir stehen vor der größten Krise, die das Land je hatte“. Und das heißt eben: „Wir werden den Wohlstand, den wir jahrelang hatten, erst mal verlieren“. Hoppla, das nenn ich eine Ansage. Hört man aus der Politik so klar eher nicht. Bleibt natürlich auch noch die Frage, wer eigentlich mit diesem „wir“ gemeint ist. Unternehmer Dulger? Vermutlich ebensowenig wie Herr Merz oder Herr Lindner.

Deshalb bleibt der oberste Arbeitgeber auch optimistisch: „Krise haben wir noch immer gekonnt“! Nur gutes Deutsch halt nicht, aber wen juckt das angesichts kalter Wohnungen und teurer Lebensmittel? Und wer ist diesmal „wir“? Der Staat jedenfalls nicht, zumindest wenn es darum ginge, Steuern oder  Krankenkassenbeiträge zu erhöhen oder sich sonstwie in die Wirtschaft einzumischen! „Private wirtschaften immer besser als der Staat“, sagt Rainer Dulger. Zum Ausgleich von Inflation und drohender Unternehmenspleiten oder Corona-bedingten Schwierigkeiten allerdings, da, findet der Verfechter der Privatisierung, muss dann schon der Staat ran. Der ist da einfach „in der Pflicht“.

Da werden Christian Lindner sicher die Ohren geklingelt haben, schließlich ist das ja geradezu der Markenkern seiner Politik. Und endlich sagt's mal jemand anderer. Der Christian will ja schließlich nicht noch weiter abrutschen in der Gunst des Volkes: Jetzt schon trennen ihn nur noch zwei Plätze vom fliegenden Friedrich und den wiederum nur zwei vom Allzeittief Sarah Wagenknecht. So will man doch keine Ehe beginnen, und der Dulger kann einen Shitstorm auch viel besser ab.

Meine Nachbarin Barscheck hat noch gut in Erinnerung, wie der Mann vor zwei Wochen anlässlich eines Verdi-Warnstreiks in den Seehäfen öffentlich darüber nachdachte, ob wir nicht einen „nationalen Notstand“ bräuchten, der auch das Streikrecht breche. Darüber, sagt meine Nachbarin, sollte man sich aufregen. Ob der Lindner auf Sylt oder in Wanne-Eickel heiratet, ob Peter Sloterdijk dazu spricht oder Peter Maffay, ist dagegen so wurscht wie die Frage, ob die malerische Kirche St. Severin nun nur Kulisse oder doch spirituelle Heimstatt war. Unser Treppenabsatz jedenfalls wünscht erfolgreiche Flitterwochen.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 15.07.2022 und in "Der Morgen" am 16.07.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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