Brunners Welt - „Auftritt und Abgang“

„Es gibt noch Bier auf Hawaii“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.07.2022 16:45 Uhr

Nr. 891

Nicht dass Sie denken, ich täte nicht das Meine zur Bewältigung des drohenden Gas-Notfalles. Spar-Duschkopf – klar! Auch wenn - nach kurzer Internet-Recherche entdeckt - ausgerechnet das umweltfreundlichste Modell zur Zeit nicht lieferbar ist. Schade, ist es doch der einzige Kopf, der das Umweltsiegel „Blauer Engel“ tragen darf. Hätte ich mir schön vorgestellt, morgens unter der Dusche mit Lola Lola... oder Professor Unrat, selbstverständlich. Aber ist halt nun nicht. Seltener Duschen – na ja – oder kürzer? Oder seltener und kürzer? Oder noch seltener, aber dafür dann etwas länger? Die Versuchsreihe läuft noch.

Das Thema Heizen ist ja noch in etwa soweit entfernt wie die nächste Pandemiewelle, aber auf unserem Treppenabsatz haben die bilateralen Gespräche doch schon zumindest zu einer Absichtserklärung geführt: Zwei Grad runter lautet Barschecks und mein Ziel – alles Habeck bei uns!

Selbst das leidige Thema „Lüften“ steht bei uns auf der Agenda: Stoß- statt Kipplüftung haben wir gelernt, auch wenn das bei drastischeren Minusgraden gelegentlich zu Schnappatmung führen mag. Wenn's der Umwelt dient und Putin schadet – bitte sehr. Und was man so liest, scheint auch die Mehrheit des Volkes durchaus zur dringend erbetenen Energiesparsamkeit bereit. Niedrigere Temperaturen in den Becken der Schwimmbäder werden ebenso klaglos hingenommen wie das Herunterfahren der deutschen Ammoniakproduktion. Letzteres wahrscheinlich, weil sich die meisten sagen: Verwende ich ohnehin eher selten.

Mag zwar sein, aber das Zeug ist Grundlage für Düngemittel, und wenn die fehlen, kann es in den Supermarktregalen schon mal teuer oder knapp oder beides werden. Aber sowas haben wir ja schon mehrmals geübt in letzter Zeit – ich sage nur Nudeln, Klopapier und Sonnenblumenöl.

Dann aber stieß ich im Netz auf die Überschrift „Ohne Gas kein Bier“! Aufs Höchste alarmiert schaute ich mir das angebotene Video mit dem Sprecher der Groß-Brauerei an, die am liebsten das Wort „Frische“ auch mit „V“ schreiben würde. Zunächst mal erfrischend gute Nachrichten: Wir seien „im Auslaufen der Pandemie begriffen“, sagt der Mann. Gut, hätte ich lieber von Herrn Lauterbach gehört, aber bitte.

Und deswegen, fährt der Biermann fort, hätten „die Leute wieder richtig Lust auf Bier“ und seine Brauerei blicke schon auf „historische Ausstoßrekordsmonate“ zurück – eine Begrifflichkeit, die einem auch erst nach ein zwei Fläschchen  so richtig flüssig von den Lippen rutscht. Sieht also alles gut aus im Sudhaus? Nein. Eben weil: „ohne Gas kein Bier“, die Braukessel müssen schließlich beheizt werden und das geschieht offenbar weit überwiegend mit Gas. Und ob das nun zukünftig ausreichend zur Verfügung stünde, sei eben unklar. Oder wie der Brauerei-Sprecher es formuliert, es sei „wie eine Nebelwand, in die man hineinfahre“. Ein Gefühl, das so manchem Konsumenten des Gerstensaftes nicht gänzlich unbekannt sein dürfte – aber zumindest die Aussicht auf Nachschub sollte doch klar sein.

In diesem Zusammenhang eine vielleicht wichtige Richtigstellung: Es gibt Bier auf Hawaii! Immerhin 11 Brauereien arbeiten dort gegen die hierzulande hartnäckig per Schunkellied verbreiteten Fake-News. Und an Gas scheint's da auch noch nicht zu fehlen. Gut, kommt man nur mit dem Flieger hin und das ist ja heutigen Tags auch nicht unproblematisch.

Meine Nachbarin Barscheck zeigt sich angesichts der heraufziehenden Bier-Katastrophe unbeeindruckt. Sie trinkt ohnehin lieber Rotwein, und der scheint auch ohne Gas zu reifen. Und sollte das Glas für die Flaschen knapp werden, ist sie bereit, sich aus kleineren Fässchen zu versorgen. Zum Wohl dann. Auf weitere Ausstoßrekordsmomente.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 08.07.2022 und in "Der Morgen" am 09.07.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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