Brunners Welt - „Von Freund und Feind“

„Summertime Blues“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.06.2022 16:45 Uhr

Nr. 889

Nicht dass Sie denken, ich wollte jetzt auch noch gegen den Sommer zu Felde ziehen. Wäre ja auch sinnlos, denn wie die meisten astronomischen Ereignisse kommt er über uns, ob uns das nun passt oder nicht. Die Erde eiert und wackelt nun mal dergestalt um unser Zentralgestirn, dass es nicht immer und überall gleich lang und gleich viel Sonnenlicht gibt, und in unseren Breiten ist nun mal um den 21. Juni herum der längste Tag erreicht und damit Sommeranfang. Sehen Sie sich die Grafik in Ihrem alten Diercke-Weltatlas noch mal an und singen Sie dazu ein wehmütiges „Und es war Sommer“.

Der gute Peter Maffay konnte sich ja nicht beklagen, immerhin sah er „als ein Mann die Sonne aufgehn“. Anders als Ende der Fünfziger Eddie Cochran, der den „Summertime Blues“ hatte, weil er trotz Schufterei in der Sommerhitze nicht zum Zuge kam, weil ihm der Chef die Freizeit und die Eltern die dringend benötigte Rückbank des Familienautos verweigerten.

Wir hier im Saarland hätten in dieser ersten Sommerwoche jedenfalls wahrlich Gründe satt für den Blues - oder die Flemm, wie es hierzulande heißt. Gleich zu Wochenbeginn die Topnachricht aus Saarbrücken: Schon wieder verlässt eine Grüne Fraktion und Partei! Yvonne Brück diesmal, und wieder fehlt künftig eine Stimme zur Mehrheit der Jamaika-Koalition. Ist aber nicht so schlimm, sie will weiterhin mit ihren Ex stimmen! Und wenn nicht, wird schon irgendwer aus irgendeiner Partei rechtzeitig die Seiten wechseln und die Lücke wieder auffüllen. Regiert hann mir schnell! Gründe hat Frau Brück übrigens nicht so richtig genannt, ist aber auch wurscht. Interessanter, meint meine Nachbarin Barscheck, wäre es ohnehin, mal zu erfahren, warum die anderen bleiben.

Viel schlimmer jedenfalls als die grüne Selbstauflösung ist der Rückzug von Ford aus Saarlouis. Nicht ganz unerwartet, aber nun doch ein erheblicher Schlag. Und das, nachdem der Konzern die Belegschaften im Saarland und in Valencia schon monatelang zum fröhlichen Wettkampf um die Arbeitsplätze in die Arena getrieben hatte. Ministerpräsidentin Anke Rehlinger  sagt jetzt: „Der Bieterwettbewerb ist ein zynischer Prozess, der lediglich nach Profit gefragt hat. Niemals nach Verantwortung.“ Stimmt, wäre allerdings auch so gewesen, wenn Saarlouis den Wettstreit für sich entschieden hätte, oder?

War doch klar, dass die Verantwortlichen bei Ford von der Cäsarenloge aus zugeguckt haben, wie sich Belegschaften und Politik im Staub der Manege mit Subventionszusagen und Steuererleichterungen und wahrscheinlich auch Lohnverzichten ums Weitermachen prügeln durften. Und um was, bitte schön, sollte es einem Autokonzern sonst gehen, wenn nicht um Profit? Dafür sind die da. Schon Gründer Henry Ford - der mit der Tin Lizzy und dem Fließband und der harten Anti-Gewerkschafts-Linie - soll ja Kapitalist gewesen sein! Wissen viele gar nicht. Und nach eigenem Bekunden nur deswegen höhere Löhne bezahlt haben, damit seine Arbeiter auch sein schickes Modell T abstottern konnten.

Verantwortung? Ach so, ja: Man werde für Saarlouis „Optionen für zukünftige Konzepte evaluieren“, sagt das Management. Das ist doch was, worauf sich Ford-Belegschaft und Zulieferer nun verlassen können. Optional, für die Zukunft. Wenn die Konzepte erstmal schonungslos und transparent evaluiert sind.Da könnte man  schon mal über einen Plan B nachdenken, aber: there ain't no cure for the summertime blues.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 24.06.2022 und in "Der Morgen" am 25.06.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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