Brunners Welt - „Von Freund und Feind“

„Von Freund und Feind“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.06.2022 16:45 Uhr

Nr. 888

Nicht dass Sie denken, ich wollte Ihnen schon wieder die Laune vermiesen. Und das gerade in diesen Zeiten, in denen die Sonne strahlend über den Brückentagen steht, die der Herr – oder seine Verwaltungsfachkräfte - so trefflich einzurichten verstanden hat oder haben. Im Abstand von nur drei Wochen nun schon das zweite „lange Wochenende“, dank kirchlicher Hochfeste am Donnerstag! Da will man doch nichts hören von Krisen, Krieg und Klimawandel!

Aber das ist ja genau das Problem, meinen manche Politiker:innen. Gute Laune ist der natürliche Feind des Kampfgeistes. Und den brauchen wir doch zur Zeit mehr als je. Schon klagte unsere Außenministerin, das Land sei „kriegsmüde“! Damit meinte sie keineswegs die Ukraine, die dafür mein vollstes Verständnis hätte. Nein, unser Deutschland leidet laut Baerbock unter diesem „Fatigue-Moment“. Und das, obwohl wir gottseidank ja gar nicht im Krieg stehen! Meine friedensbewegte Generation fand sich ja immer viel eher mit Hans Hartz einig: „Die weißen Tauben sind müde!“

Mit diesem Friedensgesäusel muss jetzt Schluss sein, jetzt sind die Falken gefragt! Oder wie es Frau Strack-Zimmermann, die bislang schwerste Waffe, die aus Deutschland in die Ukraine geschickt wurde, in seltener Klarheit formulierte: Gebraucht werde „um aus Sicht der Bundeswehr zu agieren, ein Feindbild“. Glücklicherweise hat sie da auch gleich eines parat. Nicht ganz neu, aber dafür bewährt: Russland. Oder, wie man früher sagte: Der Russe. Ist klar: Was nützen die schönen 100 Milliarden für unsere Armee, wenn die nicht weiß, auf wen sie die funkelnagelneuen und dann hoffentlich auch funktionsfähigen Waffen richten soll. Oder gar zu müde wäre, um die Waffen überhaupt hoch zu kriegen. Ein Feindbild muss her, auch wenn das „martialisch klingen“ möge, sagt die kampfbereite FDP-Frau. „Jetzt wissen wir, wie ein Feind aussehen könnte, in diesem Fall aussieht“, frohlockt die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses.

Jahrzehntelang fiel uns ja zum Russen allenfalls Iwan Rebroff ein, jetzt werden wieder die alten Bilder des bärtigen Bösewichtes mit dem Messer im Mund und der Wodkaflasche in der Hand herausgekramt. Das kann dann jeder Rekrut und jede Rekrutin künftig in der Brusttasche der neuen Funktions-Uniform-Jacke mit sich tragen, sollte beim neuen Sondervermögen schon noch drin sein. Aber wie gesagt, ich möchte Sie nicht aus ihrer verdienten Feiertagsstimmung herausreißen.

Fronleichnam ist auch meiner Nachbarin Barscheck aus ihrer katholisch verbrachten Kindheit in bester Erinnerung. Die tollen Prozessionen, festlich geschmückte Straßen! Wunderbar. Aber natürlich taugte auch das zum Feindbild. „Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. Denn es ist das allerschändlichste Fest. An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession!“ Martin Luther. Entsprechend unschöne Entgleisungen sind auch hier zu melden: In manchen gemischt-konfessionellen Gegenden war es früher üblich, dass die protestantischen Bauern als Provokation den Mist gerade an Fronleichnam auf die Felder ausbrachten. Es geht eben nichts über ein solides Feindbild.

Wer darauf trotz allem jetzt immer noch keinen Bock hat, genießt eben einfach das Wetter und macht nach Herzenslust die Brücke. Mir soll das recht sein.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 17.06.2022 und in "Der Morgen" am 18.06.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja