SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Zu den Göttern“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 03.06.2022 16:45 Uhr

Nr. 886

Nicht dass Sie denken, ich freute mich nicht über Erfolgsmeldungen aus unseren saarländischen Landen. Gerade beispielsweise verlautet aus der Mittelstadt St.Ingbert, dass sie es auf Platz 1 geschafft hat! Nein, nicht beim ESC, der ist ja gerade erst vorbei, auch nicht beim Drachenbootrennen auf der Saar oder beim Pro-Kopf-Maggiverbrauch. Nein, der Name steht nun prominent auf der Liste der monumentalen Bäume und dokumentiert, dass der dickste Götterbaum Deutschlands dort zu finden ist. 4,80m Umfang, immerhin 40 cm dicker als das Konkurrenzgewächs in Neunkirchen. Ingbert rules!

Und natürlich lassen wir uns diesen Rekord nicht von den Miesepetern und -lieseln vom NABU vergällen, die den Götterbaum als „invasive Schreckstaude“ verunglimpfen. Nur weil er sich halt auch an Stellen breitmacht, an denen das eher unerwünscht ist. Und hier eigentlich nicht heimisch ist, sondern aus China zugewandert. Allerdings schon in der Mitte des 18.Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte er so unverzagt auf Schutt und Asche, dass er sich den Namen „Trümmerpalme“ erwarb. Heutzutage eher schmähend „Ghettopalme“ genannt, weil ihn weder Beton noch Steinplatten aufhalten können.

„Götterbaum“ übrigens deswegen, weil er nicht nur dick sondern auch hoch wird, und das ziemlich flott: Bis zu vier Metern jährlich kann der Baum an Höhe zulegen. Und ist somit besonders rasch bei den Göttern, die ja bekanntlich im Himmel wohnen. Aber auch darüber wachen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ebenso wenig wie die Türme, siehe Babel. Die Götter bleiben halt gerne unter sich. Meine Nachbarin Barscheck erzählt übrigens, dass ursprünglich die hohen Türme bei babylonischen Tempeln für den umgekehrten Weg gedacht waren: Damit die Götter gelegentlich herabsteigen und ein paar nette Stunden bei den Priesterinnen der Tempel verbringen konnten. Die Geschichte hat es allerdings nicht in die Bibel geschafft.

Alles andere als in den Himmel gewachsen sind auch die Besucherzahlen beim soeben zuende gegangenen Katholikentag in Stuttgart. Auch da gab's Rekorde: Mit nur 27000 Besuchern war dieser 102. katholische Kirchentag einer der am schlechtesten besuchten. Dafür und deswegen aber auch der pro Besucherkopf am höchsten subventionierte. Denn natürlich ergossen sich die öffentlichen Gelder ungekürzt über die Restgläubigen: 4,35 Millionen an Zuschüssen, für die auch Atheisten, Protestanten, Muslime und andere Gläubige und Nichtgläubige ihre Steuergelder zur Verfügung stellen mussten. Haben die bestimmt alle gern gemacht. Gefragt hat man sie danach aber nicht.

27.000 Besucher:innen! Das ist gerade mal ein Drittel der Zahl vom letzten Katholikentag in Münster. Und deutlich weniger als im Schnitt zu Spielen des BVB oder von Bayern München ins Stadion kommen. Kein Wunder, meint dazu wiederum meine Nachbarin, wenn gerade rechtzeitig zur Kirchensause rauskam, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing einen des Missbrauchs bezichtigten Priester in seinem Bistum sogar noch befördert hatte. Und dann auch noch öffentlich zu Protokoll gibt, dass es dafür zwar Kritik, „aber auch sehr viel Zuspruch“ gegeben habe. Von wem hat er nicht gesagt.

Wenn das so weitergeht, meint Barscheck, dann kann diese Kirche bald froh sein, wenn sie noch genug Leute zusammenkriegt, um den Götterbaum in St.Ingbert zu umspannen. Und das auch nur, wenn Maria 2.0 mitmacht. Sieht nicht gut aus.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 03.06.2022 und in "Der Morgen" am 04.06.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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