SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Affenschande"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.05.2022 16:45 Uhr

Nr. 885

Nicht dass Sie denken, ich sei nicht mehr zu überraschen. Gleich zwei Meldungen der letzten Zeit haben mich zumindest ins Grübeln gebracht. Zum einen die Krankheit fürs Sommerloch: Affenpocken. Ich meine: Affenpocken? Wieso Affen? Gut, wir hatten die Schweinepest, den Rinderwahnsinn und die Vogelgrippe. Da leuchten die Infektionswege ja noch ein. Dieses Viehzeug grunzt, muht und schnattert ja massenweise in unserem Land herum und wird auch gerne und in großer Menge von uns verzehrt.

Bei Corona kamen anfangs ja auch Irritationen auf, als man erfuhr, das Virus stamme aus Fledermäusen. Aber auch da war die Kontaktfrage bald geklärt: Die unheimlichen Flattertiere landen ja nicht so selten auf der Speisekarte chinesischer Leckermäuler. Aber Affen? Und hierzulande?

Ich hatte ja zunächst den bekannten Sportbekleidungshersteller aus dem Zollernalbkreis in Verdacht. Immerhin wirbt der seit über dreißig Jahren mit einem in ein weißes Hemd gestopften, offenbar kurzsichtigen Schimpansen für seine Textilien. Aber wie die meisten schillernden Verschwörungstheorien platzte auch diese mit einem vernehmlichen PLOPP beim ersten Faktenkontakt. Alles Lug und Trug, der gutgekleidete Primat ist seit einigen Jahren eine Computeranimation. Kann also keine Viren verbreiten – zumindest keine biologischen.


"Affenschande"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 27.05.2022, Länge: 03:57 Min.]
"Affenschande"


Bei dieser Gelegenheit musste ich auch lesen, dass der vorher eingesetzte echte Affe auch nicht sprechen konnte. Der hatte einfach nur das Maul voller Nüsse und musste deswegen ständig kauen. Täuschung allerorten. Die Affenpocken kommen auch nicht ursprünglich von Affen sondern von irgendwelchen Nagetieren wie der Gambischen Riesenhamsterratte oder dem Rotschenkelhörnchen. Aber das wäre natürlich sehr viel schwerer auszusprechen gewesen als Affenpocken. Was sagt uns jetzt das alles? Keine Ahnung, aber man grübelt hat.

Und kaum, dass die Pocken nicht mehr locken konnten, traf mich schon die zweite Nachricht wie eine nasse Windel: Die USA, größte Weltmacht und Wirtschaftsnation müssen per Militär-Luftbrücke Babynahrung aus Rammstein einfliegen! Wie kann das sein? Steckt das Milchpulver wie die Halbleiterchips in irgendwelchen chinesischen Containerhäfen fest? Oder hängt auch diese Knappheit durch seltsam verschlungene Verbindungen mit dem Ukraine-Krieg zusammen? War man etwa auch bei der Babynahrung von Russland abhängig und nun klemmt Putin der Gnadenlose den amerikanischen Säuglingen den Schnuller ab?

Aber nein, auch in diesem Falle kehrte rasch Beruhigung ein: Nur Kapitalismus as usual. Erstmal hat man per Zollgesetzen und Einfuhrbeschränkungen – America first! – dafür gesorgt, dass sich nur drei Firmen 90 Prozent des USA-Marktes für Säuglingsnahrung aufteilen durften. Folgerichtig konnten die Gutscheine, die bedürftige Familien für Säuglingsnahrung staatlicherseits bekamen, ebenfalls nur bei diesen drei Großen eingelöst werden. Und als dann der größte Hersteller Abbott Probleme bekam, weil seine Hygienestandards bei der Produktion nicht ausreichten, waren die Regale eben ruckzuck leer. Seine Milliardengewinne hatte der Konzern auch nicht in die Modernisierung seiner Anlagen gesteckt, sondern für das Wohlergehen seiner Aktionäre verwendet.

Gut, dass der Schweizer Nestlé-Konzern noch ein paar tausend Tonnen Pulver übrig hatte, die Präsident Biden dann ins Land der ansonsten unbegrenzten Möglichkeiten fliegen lassen konnte. Meine Nachbarin Barscheck bedauert allerdings, dass eine ähnliche Knappheit auf dem Waffenmarkt offenbar nicht zu drohen scheint. Aber das ist ja nun nicht weiter überraschend.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 27.05.2022 und in "Der Morgen" am 28.05.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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