SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Erklär's mir!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.05.2022 16:45 Uhr

Nr. 884

Nicht dass Sie denken, ich ließe mir nicht gerne mal was erklären. Das klappt manchmal sogar ausgesprochen gut – und mir ist danach tatsächlich irgendetwas klar geworden. Super. Mindestens genauso oft geht’s allerdings auch ziemlich schief. Egal wie viele youtube-Videos ich mir anschaue, in denen Menschen mir erklären, dass und wieso die Erde eine Scheibe ist, habe ich das dringende Bedürfnis meinerseits zu erklären, dass das schlicht Unfug ist. Siehe Mathebuch Unterstufe. Wobei mir spätestens bei der Lektüre der Kommentare rasch klar wird, dass da keine Erklärung gewünscht wird. Ist klar.

Was nicht alles erklärt wird! Wer jemandem den Krieg erklärt, will dem Feind ja nicht etwa erläutern, was "Krieg" eigentlich ist, sondern nur klar machen, dass ab jetzt die Waffen sprechen. Politiker:innen erklären ihren Rücktritt. Das könnten sie sich oft schenken, einfach zurücktreten würde schon reichen. Anlässlich der Wahl in NRW suchte man für vieles eine Erklärung. Zum Beispiel für die miese Wahlbeteiligung von nicht einmal 60 Prozent. In einer Umfrage kreuzten daraufhin die Nichtwähler:innen überwiegend die Erklärung an: "Ich wollte wählen, habe es aber zeitlich nicht geschafft". Man müsste mal dringend klären, was über 40 Prozent der Nordrheinwestfalen am Sonntag so Dringendes zu tun haben. Und warum ihnen auch in den Wochen vorher die Zeit fehlte, ihre Stimme per Briefwahl abzugeben. Ich glaube eher, dass die Antwortmöglichkeit "Landtagswahlen gehen mir am Arsch vorbei" nicht auf dem Zettel stand.


"Erklär's mir!"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 20.05.2022, Länge: 03:57 Min.]
"Erklär's mir!"


Und sich natürlich auch nicht so gut anhört. Und darauf kommt es letztlich an, auch und gerade bei den Politiker:innen, die sich und uns am Wahlsonntag nach 18 Uhr das Ergebnis erklären müssen. Dabei haben es die Sieger der Wahl noch relativ einfach: Sie waren halt die Besten und die anderen nicht. Wer aber eine Niederlage einstecken musste, hat es ungleich schwerer. Er oder sie kann sich ja nicht einfach hinstellen und sagen „Da haben wir wohl die falschen politischen Ideen angeboten“. Wär ja noch schöner. Nee, die politischen Vorstellungen waren und sind natürlich richtig. Man hat sie offenbar nur dem Wahlvolk nicht richtig erklären können.

Oder um es mit den Worten von SPD-Mann Lars Klingbeil zu sagen, da "müsse er sich selbstkritisch fragen, was da in der Kommunikation mit den Wählern schiefgelaufen sei". Logisch. Weil ja nicht sein kann, dass die Menschen die Konzepte einfach falsch fanden, kann es nur daran liegen, dass sie deren wahre Genialität einfach nicht verstanden haben. Ein Kommunikationsproblem. Und für dessen Lösung gibt’s glücklicherweise Experten.

Das sind diejenigen, die dafür sorgen, dass nahezu alle Politiker:innen einer Partei vor den Kameras und Mikrofonen dieselben Worte benutzen. So kommt's, dass jede Vertreterin der Grünen, sei's nun in Düsseldorf oder Berlin, sich am Wahlabend für den "Vertrauensvorschuss" der Wähler:innen bedankte. Und Herr Wüst in nahezu jedem Satz das Wort "Regierungsauftrag" unterbrachte. Während die SPD-Vertreter immer wieder die "Abwahl von Schwarz-Gelb" ins sprachliche Feld führten.

Hätte vielleicht nicht so massiv sein müssen, wie bei Kevin Kühnert, der die SPD quasi zum Wahlsieger machte und schon mal Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung in Aussicht stellte. Das fand sogar Herr Klingbeil ein bisschen "zu pushy". Meine Nachbarin Barscheck fragt sich nun, was denn dieses "pushy" eigentlich bedeuten solle. Das kann ich erklären: Klingt einfach besser als "nassforsche Großmäuligkeit".


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 20.05.2022 und in "Der Morgen" am 21.05.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja