SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Wirklich wahnsinnig wichtig"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 13.05.2022 16:45 Uhr

Nr. 883

Nicht dass Sie denken, ich wüsste nicht, was wirklich wichtig ist in diesen Zeiten. Also wirklich! Klar: Ukraine-Krieg, Pandemie, Klimawandel, Flüchtlinge, Inflation, Gas- und Ölembargo, Lebensmittel- und Benzinpreise, das alles ist wichtig. Und die Medien sind voll davon, zu Recht. Aber he, wirklich wichtig ist was anderes: Unsere Verteidigungsministerin, Frau Christine Lambrecht, hat ihren Sohn im Bundeswehrhelikopter mitgenommen zu einem dienstlichen Termin! Und ist anschließend mit dem Bengel über Ostern nach Sylt gefahren in Urlaub!

Ja geht’s noch? Die Frau muss weg! Rücktritt, aber pronto! Gut, sie hat den Flug für ihren Alexander privat bezahlt, aber trotzdem: Das ist doch ein Schlag ins Gesicht für uns alle, die wir weder einen Helikopter haben noch Urlaub. Manche haben nicht mal einen Sohn! Ich sehe schon die Plakate auf den nächsten Montagsdemos: Helikopter-Mutti muss weg! Grad jetzt, wo diesen Spaziergängern so langsam die Corona-Parolen wegbrechen: ein brennendes Thema.


"Wirklich wahnsinnig wichtig"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 13.05.2022, Länge: 03:43 Min.]
"Wirklich wahnsinnig wichtig"


Und der Skandal ist ja auch noch längst nicht bis auf den Grund ausgelotet! Hat der Lambrecht-Sohn vielleicht sogar Geheimnisverrat begangen, indem er sein Selfie im Hubschrauber geschossen und anschließend auf Instagram veröffentlicht hat? Bis zu fünf Jahren Haft könnten dem Sohnemann da drohen – weiß ein Kommentator zu berichten! Weil auf so einem Foto ja möglicherweise geheime Konstruktionsdetails des Helis zu sehen sein könnten, die der Feind dann ...äh... ja, ich weiß auch nicht... nachbauen könnte. Oder irgendwie ausnutzen. Ich kann das leider nicht beurteilen, weil ich nicht auf Instagram bin und deswegen das Foto nie gesehen habe und es inzwischen ohnehin vom Account gelöscht wurde. Immerhin gibt es damit einen Beleg, dass zumindest ein Hubschrauber der Bundeswehr noch fliegt!

Natürlich, man kann den Junior ja auch irgendwie verstehen. Da hat Mutter Lambrecht wahrscheinlich zu ihrem Jungen gesagt: „Hör mal, Mutti muss jetzt schnell mal noch bei den Soldaten vorbeischauen, dauert nicht lange. Du bleibst schön so lange hier im Heli, fass nix an, lass die Finger von den ganzen Knöpfen, und wenn ich dann wiederkomme, geht’s ab an den Strand.“ Und dann war dem kleinen Alexander eben langweilig und … na ja.

Gut, der „kleine Alexander“ ist schon 21 Jahre alt und könnte eigentlich wissen, dass Fotografieren im Militärhubschrauber nicht so gut ist, aber bitte! Wie zu lesen war, hat der Knabe schon etliche Fotos von sich in irgendwelchen Militärmaschinen im Netz gepostet – und da hat noch nie jemand was gesagt. War immer ok. Und jetzt auf einmal? Nur weil am Sonntag in NRW gewählt wird und die CDU noch schnell einen Skandal bei der SPD braucht? Nee, das kann man jetzt so einfach auch nicht behaupten. Klar, so ein SPD-Rücktritt jetzt wär schon schön für Herrn Merz und Herrn Wüst, aber wird ja eh nicht klappen.

Meine Nachbarin Barscheck schüttelt ohnehin nur den Kopf und denkt wehmütig an Andi Scheuer. Wenn der mal rechtzeitig seine Tochter irgendwohin hätte mitfliegen lassen! Oder wenigstens seinen Hund, oder Goldhamster! Dann hätte er vielleicht zurücktreten müssen. Das Versenken von Milliarden von Steuergeldern und – sagen wir's mal diplomatisch – das Vermeiden zu unbequemer Wahrheiten vor dem Untersuchungsausschuss, haben ja leider dazu nicht gereicht. Wie gesagt: Man muss halt unterscheiden können zwischen wichtig und wirklich wichtig!


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 13.05.2022 und in "Der Morgen" am 14.05.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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