SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Wenn einer eine Reise tut"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 07.05.2022 15:45 Uhr

Nr. 882

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Reisen. Im Gegenteil: Reisen bildet! Gut, das gilt nicht immer, überall und für jeden – der Ballermann kann ein Lied davon singen. Und tut's auch: Zum Beispiel Mickie Krauses Knaller-Hit "Zehn nackte Friseusen". Das hat Erich Kästner sicher nicht gewollt, als er schrieb "Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen". Aber der hätte sich ja auch nicht vorstellen können, dass man so etwas wie Sangria überhaupt trinken könnte und dann gar mit Strohhalmen aus Eimern. Die Gnade der frühen Geburt.

Trotzdem halte ich's gern mit Wilhelm Busch: "Drum o Mensch, sei weise, pack die Koffer und verreise!" Wenn man es uns dann auch noch so leicht macht, wie unsere Regierung mit dem Neun-Euro-Ticket! Zur besten Urlaubszeit, von Juni bis Ende August! Von Oberstdorf bis Sylt, von Kleve bis Cottbus für neun Euro! Hin- und zurück! Kreuz und quer! Das kann sich nun wirklich jede und jeder leisten. Ganz neue Personenkreise sollen den Nahverkehr kennenlernen!


"Wenn einer eine Reise tut"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 06.05.2022, Länge: 04:03 Min.]
"Wenn einer eine Reise tut"


Und genau davor fürchtet sich jetzt die Bahn. Denn wenn die nun wirklich alle kommen, dann wird’s eng. Zumindest für den Teil, der es irgendwie in die Waggons schafft. Sehr eng. Der Rest hat vielleicht mehr Platz, aber halt auf dem Bahnsteig. Wo man seinen Urlaub nun wirklich nicht verbringen möchte. Es fehlt an Zügen und an Personal, lässt die Bahn wissen, und das lässt sich beides auch so auf die Schnelle nicht beschaffen. Woher hätten die Politiker, die sich dieses Ticket ausgedacht haben, das wissen sollen?

Unser Treppenabsatz unterstützt gleichwohl die Aktion. Wir kaufen uns das subventionierte Ticket – und bleiben daheim. Kleiner Tipp, falls Sie sich dem anschließen möchten: Besorgen Sie sich Prospekte und lesen Sie entspannt im heimischen Liegestuhl, wo Sie überall hätten hinfahren können. Nicht-Reisen kann auch bilden, sagt meine Nachbarin Barscheck.

Ein Satz, den man durchaus auch dem fahrenden Volk aus dem Polit-Gewerbe hätte rechtzeitig zu Gehör bringen sollen. Als gäb's kein Photoshop auf dieser Welt, machen sich in letzter Zeit alle in die Ukraine auf, um ein paar gute Bilder vor den Kriegstrümmern mit nach Hause zu bringen. Klingt zynisch, ja, aber ehrlich: Was sonst soll bei Besuchen von Menschen heraus kommen, die außer guten Worten nichts zu bieten haben. Angefangen von Anton Hofreiter, Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Michael Roth, die seitdem als die Drei von der Tanks-Stelle durch die Talkshows und Zeitungsseiten irrlichtern, wo sie nach immer mehr Waffen für die Ukraine rufen.

Besonders Hofreiter macht den Eindruck als habe er schon auf der Rückfahrt Kraus-Maffays "Kleine Waffenkunde" auswendig gelernt oder zumindest sowas wie den KOSMOS-Ratgeber "Welche Haubitze ist das?". In seinem Fall stehen die Chancen gut, dass der grüne Waffennarr demnächst als Aufsichtsrat der Deutschen Bahn auf ein Nebengleis rangiert wird. Ob und wohin die anderen beiden Reiserückkehrer lukrativ entsorgt werden, weiß man noch nicht. Strack-Zimmermann wird von ihrer FDP ja geradezu bejubelt und auch Friedrich Merz lobt sie überschwänglich.

Der Oppositions-Chef war ja auch gerade auf Ukraine-Besuch und hat sich dort alle Mühe gegeben, wie der eigentliche Kanzler der BRD auszusehen. Die Pressekonferenz mit je einem Klitschko rechts und links – das war schon großes Kino. Und dann noch Handshake mit dem ukrainischen Präsidenten. Nimm das, "beleidigte Leberwurst" im Kanzleramt. Vielleicht gar nicht so schlecht, das Bahn-Angebot nicht zu nutzen. Wer weiß schon, mit wem man da alles im Abteil säße.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 06.05.2022 und in "Der Morgen" am 07.05.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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