SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Blut, Schweiß und Tränen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 29.04.2022 15:45 Uhr

Nr. 881

Nicht dass Sie denken, ich ginge nicht auch einmal an oder sogar über Grenzen. Und damit meine ich jetzt nicht mal eben zum Einkaufen nach Forbach ins Cora. Nein, man muss auch mal dahin gucken, wo es unschön ist, dreckig. Ja, vielleicht manchmal sogar etwas eklig. Das Leben ist nun mal weder ein Ponyhof noch ein nach Hygienespüler duftender Wäschekeller. Nicht alles ist aufgeräumt und clean wie ein Schweizer Bahnhofsvorplatz, es gibt auch Städte wie Vechta, die tagelang nach Schweinegülle stinken. Da darf man auch nicht immer wegriechen.

Und Christian Lindner schwitzt. Also jetzt vielleicht nicht ständig, aber bei seinem quarantänebedingten Videoauftritt vor dem FDP-Parteitag ziemlich heftig. So sei das halt, twitterte er später, "wenn man morgens um 0600 ohne Maske im Scheinwerfer steht". Und Corona hat. Er schrieb tatsächlich "0600", wir kennen das aus amerikanischen Kriegsfilmen, zivile Weicheier wie Sie und ich sagen da einfach 6 Uhr. "Ohne Maske" ist Medienprofi-Sprech und meint "ohne Make-Up", ohne Maskenbildnerei. Immerhin hat es der in einem amerikanischen Hotelzimmer gestrandete FDP-Commandante offenbar geschafft, einen Scheinwerfer ins Zimmer bringen zu lassen. Respekt. Aber dann schwitzt man halt.


"Blut, Schweiß und Tränen"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 29.04.2022, Länge: 03:48 Min.]
"Blut, Schweiß und Tränen"


Und das Volk erregt sich. Oder ist gar "empört", wie einige Schlagzeilen lauteten. Er hätte "geglänzt wie eine Speckschwarte", las man bei Twitter. Offenbar ist das sichtbare Ausscheiden irgendwelcher Körperflüssigkeiten bei Politikern das absolute No-Go. Wir erinnern uns an Merkels Schwitzfleck in Bayreuth und die folgende Debatte. Die dafür gesorgt hat, dass wir tagelang Bilder der schwitzenden Kanzlerin in lachsfarbener Abendrobe sehen mussten. Und die Suchmaschinenanfrage nach "Merkel" und "Schwitzfleck" noch heute 3500 Treffer liefert. O Gott!

Und da verlangt vor kurzem ein Konfliktforscher in einer Talkshow jetzt endlich eine "Blut, Schweiß und Tränen-Rede"! Und das ausgerechnet von Olaf Scholz. Er soll sich also wohl vor sein Volk stellen und wie weiland der alte Churchill verkünden, er habe "nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß". So ist das eben im Krieg, egal ob in England 1940 angesichts der Nazis oder heute in Deutschland, wenn's gegen Putin geht. Und nun aber wirklich mal zackig und führungsstark mehr und schwerere Waffen an die Ukraine geliefert werden müssen. Zaudern ist wie schwitzen, nur nicht unter der Achsel. Geht gar nicht.

Auch schon aus Sorge um Deutschlands Ruf in der Welt. Zumindest das hat der Kanzler eingesehen und die Verteidigungsministerin nicht mit leeren Händen sondern mit 50 Gepard-Panzern unterm Arm nach Rammstein geschickt. Blut, Schweiß und Tränen? Zumindest das mit dem Schwitzen könnte sich schneller als gewünscht erledigen, falls der Kreml-Chef demnächst auch Deutschland den Gashahn abdreht. Bleibt uns allenfalls noch der Angstschweiß vor einem neuen Weltkrieg. Tränen fließen ja immer mal wieder vor den Kameras, egal ob nun Anne Spiegel ihren Urlaub bereut oder Xavier Naidoo vom Schicksal massenweise entführter Kinder in unterirdischen Tunnelsystemen faselt.

Aber halt – der hat ja nun abgeschworen. Auch er geläutert durch den Krieg in der Ukraine. Und bluten, sagt meine Nachbarin Barscheck, muss im Ernstfall sowieso wie immer das Volk. Egal ob nun das russische, das ukrainische oder das deutsche.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 29.04.2022 und in "Der Morgen" am 30.04.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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