SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Schein und Sein"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 16.04.2022 08:45 Uhr

Nr. 879

Nicht dass Sie denken, ich gäbe viel auf Umfragen. Ob sie tatsächlich gestimmt haben, weiß man erst dann, wenn man sie garantiert nicht mehr braucht. Dann nämlich, wenn das Ereignis, das sie im Voraus zu erkunden suchten, bereits eingetreten ist. Das haben sie mit dem Wetterbericht gemeinsam. Noch dazu lagen die bunten Balken eben doch oft ziemlich daneben. Ebenso wie man sich oft aus der Wetter-Seite der Zeitung, die strahlende Sonne prognostiziert hat, bestenfalls noch einen Not-Hut gegen den herunterplatschenden Regen falten kann.

Es gibt allerdings auch Umfragen, die sich mehr mit der Gegenwart beschäftigen. Würden Sie der Umwelt zuliebe auf Flugreisen verzichten? Die Heizung zur Sanktionierung Putins zwei Grad runterdrehen, zugunsten des Tierwohls auf Soja-Schwenker umsteigen? Oder eben, wie jetzt gerade im Auftrag des SWR gefragt: Würden Sie der Aussage zustimmen: "Wir leben nur scheinbar in einer Demokratie. Tatsächlich haben die Bürger nichts zu sagen". Ja, sagten 31 Prozent der Deutschen. Also nahezu ein Drittel. Das ist schon erschreckend. Zumal es im Osten des Landes sogar 45 Prozent sind, die das so sehen.


"Schein und Sein"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 14.04.2022, Länge: 03:52 Min.]
"Schein und Sein"


Wirklich verblüfft aber hat mich, dass es ausgerechnet unter den FDP-Anhängern fast genauso viele Demokratie-Anzweifler gibt, nämlich 43 Prozent. Das gibt zu denken, immerhin ist ihre Partei ja nun in die Regierung gekommen. Scheinbar demokratisch? Und was tut man als Bürger einer scheinbaren Demokratie? Offenbar geht man auch im Bewusstsein, "nichts zu sagen" zu haben, trotzdem wählen. Siehe FDP, oder noch drastischer: Die AfD. 76 Prozent ihrer Anhänger glauben an ihre Machtlosigkeit - und wählen 83 ihrer Gesinnungsgenossen in den Bundestag. Und da sitzen sie nun scheindemokratisch. Schon Karl Marx schrieb: "Der Schein bestimmt das Bewusstsein". Oder war das der andere Karl -Theodor zu Guttenberg?

Vielleicht ist ja auch eher der Geld-Schein gemeint? Ganz im Sinne von Ex-Mutti Merkels "marktkonformer Demokratie". In der der Schein-Werfer aus der Wirtschaft eben doch mehr zu sagen hat, als Otto und Ottilie Normalverbraucher. Schließlich stimmen auch 45 Prozent der Deutschen der Aussage zu "Einige wenige Reiche stecken sich alles in die Tasche und der Rest der Bevölkerung verarmt".

Dem kann ich schon deswegen nicht beipflichten, weil viele Reiche nicht einmal diese Anstrengung auf sich nehmen müssen. Das Geld wird ihnen in die Taschen gesteckt. Ich sage nur: Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer oder Transaktionssteuer. Gibt's ja alles praktisch nicht.

Um nun dies ganze Elend zu ändern, finden 46 Prozent den Satz richtig: "Wir brauchen einen starken Politiker an der Spitze, keine endlosen Debatten und Kompromisse". Im Osten wollen das sogar 58 Prozent! Und wen wählt dieses führerersehnende Volk an die Spitze? Olaf Scholz. Seltsam.

Meine Nachbarin Barscheck macht noch auf ein anderes Detail der Umfrage aufmerksam: Die einzige Gruppe, die mehrheitlich "Nein" sagte auf die Frage, ob es in ihrer Umgebung Menschen gebe, die so stark anderer Meinung seien, dass man mit ihnen nicht mehr politisch reden könne, waren die als "rechtsradikal" eingestuften Befragten. Weil die offenbar nur noch mit Gleichgesinnten reden, meint meine Nachbarin. Und nur noch kurz aus ihrer Blase kommen, um sich an solchen Umfragen zu beteiligen. So viele Antworten – und noch viel mehr Fragen! Ach, Allensbach!


 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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