SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Blamento"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.04.2022 16:15 Uhr

Nr. 878

Nicht dass Sie denken, ich hätte zu viel Zeit. Geht ja auch gar nicht. Wenn es in dieser Welt irgendetwas gibt, das tatsächlich gleich verteilt ist, dann ist es Zeit. Jede und jeder hat immer und überall gleich viel davon: Tag für Tag vierundzwanzig Stunden. Wegen der Erdrotation, Sie wissen schon – falls Sie nicht gerade Flacherdler sind. Die Verteilung ist also nicht das Problem, sondern die Einteilung.

Wie viel Stunden muss ich beispielsweise jeden Tag dafür aufwenden, meinen Lebensunterhalt zu sichern? Wie viele kann oder soll ich mit den Kindern spielen, mit der Partnerin oder dem Partner reden oder mit meiner Nachbarin Barscheck? Wie viel Zeit ist mir die Pflege der Zimmerpflanzen wert oder die Archivierung der Bierdeckel-Sammlung?


"Blamento"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 04.04.2022, Länge: 03:46 Min.]
"Blamento"


Und wie viele Minuten habe ich übrig, um solche Überlegungen wie diese hier anzustellen? Manchmal zu wenig scheint mir. Schließlich bedeutet ja jede Entscheidung für den einen Zeitvertreib, dass für einen anderen weniger Zeit da ist. Und das ist in Zeiten wie diesen so schlecht nicht. Angesichts der eher schlechten Nachrichten beispielsweise, die minütlich an einen heranbranden, ist es geradezu heilsam, wenn man seine Zeit mit anderem verbringt.

Zum Beispiel mit der Frage, was manche Zeitgenoss:innen mit dem was sie reden uns eigentlich sagen wollen. Und warum sie es dann nicht einfach tun. Wie kommuniziere ich solche Überlegungen? Gar nicht, ich teile sie Ihnen mit oder trage sie vor oder rufe sie in die Wüste. Kommunizieren kann man in der deutschen Sprache eigentlich nur mit jemandem. Es sei denn, man ist eine Röhre und hat nichts anderes zu tun, als den gleichen Flüssigkeitspegel wie die mit einem verbundene Nebenröhre zu halten. Zu Risiken und Nebenwirkungen von "kommunizierenden Röhren" fragen Sie einen Physiklehrer oder einen Klempner. Aber viel hipper ist es, im Arbeitskreis die Frage zu stellen: "Ja, gut, aber wie kommunizieren wir das?"

Noch besser ist es, wenn Sie diese Frage adressieren. Nein, dazu brauchen Sie keinen Briefumschlag oder Aufkleber. Sie "adressieren" einfach. In die sprachliche Leere am Konferenztisch hinein und werden sich wundern, wie viel einverständiges Nicken sie ernten. Man wird Sie für zeitgeistig und höchst aktuell halten, weil natürlich niemand weiß, dass diese Verwendung des Wortes "adressieren" eigentlich eine sehr alte ist. Die jetzt halt grad wieder modern geworden ist. Entschuldigen Sie die Klugscheißerei, aber das wird man in Deutschland doch noch adressieren dürfen!

Hauptsache, Sie tun das nachhaltig. Ein Gummiwort, mit dem Sie Beispielsweise Werbung machen können für so unterschiedliche Dinge wie Gezeitenkraftwerke, Geldanlagen oder Granatwerfer. Letztere sind für ihre nachhaltige Wirkung schon lange bekannt. Da bedeutet das Wörtchen schlicht "lang andauernd, gründlich". Während es in der Ökobranche eher die vor 300 Jahren in der Forstwirtschaft entstandene Bedeutung meint: Nicht mehr von irgendetwas zu verbrauchen, als nachwächst. Deswegen ist Solarenergie eben nachhaltig und Kohleverstromung eher nicht. Weil es zumindest sehr, sehr lange dauert, bis sich wieder neue Kohle gebildet hat. Fragen Sie einen Geologen, wenn sie einen kennen. Und viel Zeit haben.

Es gibt übrigens im Internet ein sogenanntes "BlaBlaMeter", das Ihnen anzeigt, wieviel Bullshit-Deutsch in einem Text enthalten ist. Der hier bringt es auf einen Bullshit-Index von gerade einmal 0,27. Hat sich die Zeit doch gelohnt.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 08.04.2022 und in "Der Morgen" am 09.04.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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