SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Zeit und Geist"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 01.04.2022 15:20 Uhr

Nr. 877

Nicht dass Sie denken, ich bliebe nicht auch gerne mal zuhause. Also einfach so. Keine Lust raus zu gehen, keine Lust, meine Nachbarin Barscheck zu einer Lesung von feministischen Gedichten zu begleiten. Einfach Sofa, Wolldecke und Tee. Einfach? Ich ahnte ja nicht, dass ich dazu mindestens eines der zahllosen Anleitungsbücher hätte lesen, mir jede Menge Tipps aus dem Internet zur korrekten Durchführung meines Vorhabens hätte down-  und gegebenenfalls auch noch ein paar trendige Zubehörteile hätte aufloaden sollen. Denn meine spontane „Nöö, heut mal nicht“-Attitüde ist längst als Trend erkannt, heißt „Cocooning“ und ist natürlich gerade in Corona-Zeiten schwer im Aufwind.

Der Begriff stammt übrigens schon aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts und wurde geprägt von einer Dame mit Namen Faith Popcorn, ihres Zeichens Trendforscherin und Zukunftologin. Da vergeht einem gleich die Lust auf jedwedes Kanapee, sei es auch noch so gemütlich. Sagt man auch nicht mehr so, das heißt inzwischen hyggelig und – Sie haben es vermutet – ist ebenfalls ein gut vermarkteter Lifestyle. Hyggelig hat nichts mit irgendwelchen Bodenerhöhungen zu tun, sondern ist Dänisch und bedeutet so viel wie „gemütlich, heimelig“. Näheres entnehmen Sie bitte dem Meter Fachliteratur zum Thema „Hygge“, beim Buchdiscounter ihrer Wahl.


"Zeit und Geist"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 28.03.2022, Länge: 04:06 Min.]
"Zeit und Geist"


Darin erfahren Sie dann auch, welche unverzichtbaren Deko-Artikel Sie für Ihr persönliches Hyggeling erwerben sollten. Ein Gewährsmann für saarländische und angrenzende Mundarten versichert übrigens glaubhaft, dieses Geborgenheitsgefühl sei hierzulande schon lange als „Geheischnis“ bekannt und beliebt gewesen, bevor man von einer „Hygge“ jemals gehört hätte.

Einmal fürs Thema sensibilisiert stellt man bald fest, dass sich kaum noch irgendein Rest individuell verbrachter, vergeuderter, verschlampter oder vergammelter Zeit findet, der nicht von einem cleveren Trendmenschen zum Life- oder Mindstyleumfunktioniert und gewinnbringend vermarktet wurde. Selbst das gute alte Tagebuchschreiben heißt nun „Journaling“ und ist ohne spezielle Aufkleber, Schriftmuster und Schablonen nicht trendgerecht umzusetzen. Geschweige denn, es handelt sich gar um „Bullett-Journaling“, eine Art Planungskalender, für den es tatsächlich ganze Zubehör-Läden und Anleitungsbücher sowie Seminare überall gibt.

„O Muse! reiche mir den Stift, den Faber / In Nürnberg fabrizieren muß“, schrieb einst Wilhelm Busch in seiner Einleitung zu „Schnurrdiburr oder die Bienen“. Heute bietet das Traditionshaus Faber-Castell, immerhin 1761 gegründet, unter dem Namen „Design Memory Craft“ alles an, was angehende „Art-Journaling“-Artisten unbedingt brauchen. Busch dachte da als Dichter viel schlichter und reimte: „Indessen zieht der Kuno aber / den Bleistift Numro 5 von Faber/ Und Hinterstich, der sehr rumort / wird mehrfach peinlich angebohrt.“ An welchem Körperteil mag man sich denken.

Wenn Sie den ganzen angesammelten Tand fürs Hyggeln und Cocoonen wieder loswerden wollen, räumen Sie nicht auf und aus, betreiben Sie ein gründliches Decluttering, vielleicht sogar Magic Cleaning nach der japanischen Ordnungsberaterin Marie Kondo. Für deren zahlreiche Aufräum-Bestseller wird sich schon noch ein Plätzchen im Regal finden, wenn sie mal die Journaling-Utensilien zum Sperrmüll gegeben haben. Oder bleiben Sie einfach mal zuhause - kippen sich etwas Rum in den Tee. Und lassen mit einem gut angespitzten Numro 5 von Faber die heiße Luft aus all diesen Marketing-Ballons. Pfffttt!


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 01.04.2022 und in "Der Morgen" am 02.04.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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