SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Papiertiger“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 25.03.2022 15:20 Uhr

Nr. 876

Nicht dass Sie denken, ich sei ein entschiedener Gegner der Impfpflicht. Allerdings bin ich auch kein entschiedener Befürworter der Pflichtspritze. Ich bin mir da einfach noch nicht sicher. Wobei für mich tatsächlich nur Argumente der Wirksamkeit, der Notwendigkeit und der Verhältnismäßigkeit eine Rolle spielen. Über weltweite Verschwörungen, die Bevölkerungen der Länder zu sterilisieren, mit Mikrochips oder den Eiern außerirdischer Spinnen zu versorgen oder eine globale Diktatur zu errichten, möchte ich nicht mehr reden. Für alle rational nachvollziehbaren und faktenbasierten Fragen aber wünsche ich mir eine offene und sachliche Debatte. Und das zügig.

Stattdessen muss ich nun lesen, dass die Impfpflicht sowieso nicht stattfinden kann, weil den Krankenkassen Papier fehlt. Die müssten nämlich „rund 120 Millionen Schreiben“ zur Aufklärung der Versicherten verschicken. Und das bis 15. Mai. So sagt es der Verband der gesetzlichen Krankenkassen. Meine Kasse hat von dem Problem offenbar noch nichts gehört. Sie schickt mir schon das dritte Schreiben, in dem nichts weiter steht, als dass sich die Bescheidung meines Antrages noch ein wenig verzögert.

Abgesehen davon verstehe ich auch die angesagten 120 Millionen Briefe nicht. Bei insgesamt nur 73 Millionen Versicherten, von denen noch dazu etwa 16 Millionen nur mitversichert sind als Kinder oder Ehepartner:innen. Jedenfalls möchte ich eines ganz entschieden nicht: Dass so eine bedeutende Frage wie die Impfpflicht allein aufgrund von fehlendem Papier entschieden wird. Leute, das ist doch nicht hinzunehmen! Tun wir was!


"Papiertiger"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 25.03.2022, Länge: 03:43 Min.]
"Papiertiger"


Tragen wir ein paar Päckchen Druckerpapier, von denen wir bei irgendeinem black-friday-Schnäppchentag mal 100 Stück bestellt haben, zu unserer Krankenkasse! Und legen noch ein paar Umschläge dazu! Gut, das wird nicht reichen. Aber es ist ein Anfang. Meine Nachbarin Barscheck sitzt gerade an einer Liste von Druckerzeugnissen, auf die sie gut und gerne eine Zeitlang verzichten könnte. Vom Anzeigenblättchen über die Bäckerblume und die Apotheken-Umschau bis hin zu den wöchentlichen Super-Angebots-und Schnäppchen-Traktaten der Discounter beispielsweise. Und von ihr aus auch gerne die BILD-Zeitung und ähnliche Presse-Erzeugnisse. Nur vorübergehend natürlich, bis die akute Papiernot vorbei ist. Und wenn's dem Allgemeinwohl dient.

Und hören Sie auf, ihre mails auszudrucken! Die kann man wunderbar auf dem Rechner aufbewahren und findet sie dort auch leichter wieder, als im dritten Stapel links unter dem Schreibtisch. Übrigens, von wegen Selbsthilfe: Ein Grund für den tatsächlich existierenden Papiermangel ist das sprunghaft angestiegene Online-Bestell-Geschäft. Verpackungen! Ja, ich weiß: Corona. Aber die meiste Zeit über konnte man relativ problemlos vor Ort einkaufen. Niemand muss sich die Zutaten für sein Abendessen täglich in der praktischen Papp-Box vom Online-Versender schicken lassen. Zumal wenn dafür wichtige Informationen nicht mehr im Briefkasten landen.

Übrigens: Dieser Text hier ist selbstverständlich am Rechner geschrieben, von da aus elektronisch an die Leute, die damit außer mir zu tun haben, geschickt worden und dann am Mikrofon vom Tablet-Bildschirm gelesen worden. Klappt einwandfrei und raschelt auch nicht beim Umblättern. „Der Imperialismus und alle Reaktionäre sind Papiertiger“, schrieb schon Mao in sein rotes Büchlein. Und jetzt auch noch die gesetzlichen Krankenkassen?


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 25.03.2022 und in "Der Morgen" am 26.03.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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