SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Bridge over troubled water"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.03.2022 15:20 Uhr

Nr. 875

Nicht dass Sie denken, mir wäre gerade besonders häufig zum Lachen zumute. Der Krieg in der Ukraine ist alles andere als lustig – und Putin ist auch nicht komisch. Wäre er vielleicht, wenn er beispielsweise Mitarbeiter des Ordnungsamtes wäre und schlimmstenfalls mit nacktem Oberkörper ungerechtfertigte Knöllchen an Windschutzscheiben klemmen könnte, weil ihm die Farbe des Autos nicht passt. Aber mit dem Finger am Atomknopf und der Macht, Menschen in den Knast oder den Tod zu schicken – eher nicht.

Was nicht heißt, dass es sonst nichts zu Lachen gäbe. Zum Beispiel  unseren Bundesverkehrsminister. Der heißt ja inzwischen nicht mehr Scheuer sondern Wissing, sagt aber trotzdem seltsame Sachen. "So wie es ist, können wir nicht weitermachen, ansonsten werden wir mit unvorhersehbaren Risiken konfrontiert". Soso. Es geht um Deutschlands Brücken. Genau, die Bauwerke, die, wie wir alle schon seit geraumer Zeit wissen, zu großem Teil marode und mindestens renovierungsbedürftig sind. Vor drei Monaten hat das die Autobahn GmbH noch einmal festgestellt, der SPIEGEL hat darüber berichtet und ich habe mir darüber hier schon das Schandmaul zerrissen. Und jetzt hat auch Herr Wissing das Wichtigste getan: Einen Brückengipfel einberufen, zu dessen Ende er den obigen Ausspruch tat.


"Bridge over troubled water"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 18.03.2022, Länge: 04:02 Min.]
"Bridge over troubled water"


Aber nein, er kann nicht "nicht weitermachen", weil er ja noch gar nix gemacht hat. Und mit "unvorhersehbaren Risiken" wird er es auch nicht zu tun bekommen,weil die Sache eigentlich sehr vorhersehbar ist: Brücke kaputt – Straße weg. Oder gesperrt, falls man es rechtzeitig bemerkt hat. Da gibt’s Handlungsbedarf.

Weil die in Auftrag gegebene "Brückenbilanz" so mies ausfiel und beim "Brückengipfel" klar wurde, dass man nicht alles auf einmal und zügig schaffen kann, hat unser neuer Scheuer Prioritäten gesetzt: Vordringlich geht’s jetzt an die Brücken auf den Haupt-Verkehrsachsen, also A1 bis A9 plus A45 und A81. Dieser Teil des Autobahnnetzes heißt jetzt aber nicht etwa "Marodes-Brücken-Netz" sondern "Brückenmodernisierungsnetz", was viel lustiger klingt. Schon ab 2026 stehen dafür dann 2,5 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung. Ist halt erst in vier Jahren, aber man braucht eben auch Planungsvorlauf, sagt der Minister. Und solange müssen die Brücken eben noch durchhalten.

Wissing will ja auch nach eigener Aussage "mit mehr Tempo gegensteuern". Klingt jetzt auch nicht gerade beruhigend, so von der Wortwahl her. Der Mit-Brückengipfel-Stürmer vom BUND gibt noch rasch fürs Brücken-Reparieren zu Protokoll: Der Naturschutz dürfe dabei nicht unter die Räder kommen. Da können wir ihn, meint meine Nachbarin Barscheck, wohl beruhigen: Bei dem Arbeitstempo kommt so schnell gar nichts unter irgendwelche Räder. Alle Räder stehen still, wenn die Brücke nicht mehr will.

Es sollen ja auch künftig 400 statt der bisherigen 200 Brücken pro Jahr renoviert werden. Macht bei ca. 4000 bedürftigen Brücken immer noch zehn Jahre Stillstand, Stau und Streckenschließung. Falls Geld ein Problem sein sollte: Man könnte ja durchaus ein paar von den 100 Milliarden aus dem neuen Aufrüstungstopf der Bundeswehr nutzen. Wäre noch nicht mal zweckfremd. Weil: Im Benötigungsfalle müssten ja auch Panzer schon mal über ein paar Brücken fahren, um an irgendeinen Einsatzort zu kommen.

Ist aber auch ein müßiger Gedanke, weil es ja schon auch noch ein paar Jahre brauchen wird, bis das Heer wieder fahrende Panzer hat. Ist schon alles ziemlich lustig. Man könnte wirklich lachen.Aber ich fürchte, die meinen das alles sehr, sehr ernst.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 18.03.2022 und in "Der Morgen" am 19.03.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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