SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Augen zu und drüber"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.01.2022 16:40 Uhr

Nr. 866

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders ängstlich. Vom Heldentum trennt mich zwar auch noch ein beachtlicher Graben, aber immerhin kann ich – nur zum Beispiel - ohne Probleme irgendwelche Spinnentiere aus der Wohnung meiner Nachbarin Barscheck entfernen. Mit bloßen Händen. Andererseits betrete ich Flugzeuge nur bei allerdringlichster Notwendigkeit. Aber das hat ja auch sein Gutes: Flugangst ist hochwirksam gegen Flugscham.

Manchmal betrachte ich mir die Liste der bekannten Phobien auf Wikipedia – nur um mir zu bestätigen, vor was ich mich allem nicht fürchte. Zum Beispiel ist mir die Trypophobie, also die Angst vor Loch- oder Blasenmustern, ebenso fremd wie die Spektrophobie – die Angst vor Spiegeln bzw. Spiegelbildern. Außer in seltenen Fällen vor dem eigenen. Allerdings neige ich aus aktuellem Anlass neuerdings etwas zur Gephyrophobie. Das ist die Angst vor Brücken.

"Augen zu und drüber"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 14.01.2022, Länge: 03:58 Min.]
"Augen zu und drüber"

Wie kürzlich - Entschuldigung, liebe Spektrophobiker – im SPIEGEL zu lesen war, hat die bundeseigene Autobahn GmbH festgestellt, dass der Zustand der 28000 Autobahnbrücken im Land dramatisch schlechter ist, als bislang genommen. Die doppelte Anzahl als bisher kalkuliert muss von nun ab saniert werden! 400 statt 200 pro Jahr. Etliche gar neu gebaut. Was regelmäßig heftige Belastungen für den Verkehr bedeutet – Staus ohne Ende. Von wegen "Über sieben Brücken musst du gehn" - wenn schon die erste marode ist und mindestens zwei weitere wegen Sanierungsarbeiten gesperrt.

Stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt's denn, dass auf einmal so viele dieser Bauwerke vor sich hin bröckeln? Falsche Frage natürlich. Das tun die schon lange – nur wurde es offiziell nicht zur Kenntnis genommen. Beziehungsweise noch schlimmer: Der Zustand wurde absichtlich deutlich rosiger dargestellt als zutreffend gewesen wäre. Und zwar von den jeweils zuständigen Landesbehörden. Aber warum? "Die Verantwortlichen wollten wohl Sanierungen in die kommenden Legislaturperioden verschieben",  wird ein Sachkundiger im Spiegel zitiert.

Offenbar sind sie also Opfer ihrer Eklogiphobie geworden. Dieses Wort habe ich zwar soeben selbst aus den Restbeständen meines altgriechischen Vokabulars zusammengebastelt, aber angesichts der Verbreitung dieser Phobie ist es nur noch eine Frage der Zeit bis zur Aufnahme in die offizielle Liste. Eklogiphobie – die Angst des Politikers vor Wahlen. Besonders vor der jeweils nächsten. Übrigens auch gerade sehr schön an der saarländischen CDU zu beobachten, die jetzt unbedingt plötzlich wieder G9 an saarländischen Schulen einführen will.

Andere Baustelle. Womit wir wieder beim Thema wären: Irgendwo wird ja fast immer gewählt – und länger andauernde Großbaustellen sorgen nun mal nicht für gute Laune und das gewünschte Wahlverhalten beim Staubürger. Von der Staubürgerin, namentlich meiner Nachbarin, gar nicht zu reden. Im Saarland waren 2018 ganze 42 Prozent der Autobahn- und Bundesstraßenbrücken sanierungsbedürftig. Kein Wunder bei einem Durchschnittsalter von fast 50 Jahren. Bei der Deutschen Bahn sind das übrigens fast 100 Jahre.

Vielleicht sollten also lieber Demonstrationen für die Sicherheit unserer Brücken stattfinden. Die Bedrohung scheint mir deutlich höher und konkreter als die einer Coronaimpfung. Aber dabei bitte nicht im Gleichschritt über solche Brücken ziehen! Sonst kommt's noch zur Resonanzkatastrophe.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 14.01.2022 und in "Der Morgen" am 15.01.2022 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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