Brunners Welt (Foto: SR)

"Besinnlichkeit"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.12.2021 16:40 Uhr

Nr. 863

Nicht dass Sie denken, ich sei faul. Aber ich gebe zu, dass ich kurz mit der Idee gespielt habe, Ihnen einfach die Weihnachtsfolge des letzten Jahres noch einmal vorzusetzen. Hätte gepasst, dank Corona. Aber man will ja nicht zum Selbst-Plagiator werden. Und auch wenn damals wie heute die Chancen für Besinnlichkeit aus pandemischen Gründen besser sind als bei ungebremster Christmas-Eventerei, sinne ich doch heute über anderes nach. Denn das meint ja Besinnlichkeit, dass man nachsinnt. Möglichst in Ruhe versucht, das Wesentliche zu erkennen. Das tut gut, auch wenn böse Zungen behaupten, Besinnlichkeit setze erst ein, wenn's mit der Sinnlichkeit nicht mehr so weit her ist. Sei also quasi das Golfspiel des Geistes.

"Besinnlichkeit"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 17.12.2021, Länge: 03:49 Min.]
"Besinnlichkeit"

Dabei gibt es wahrlich genug zum Sinnen. Kürzlich kam mir aus Impfgegner-Kreisen die Behauptung zu Ohren, wir Geimpfte seien ja nun leider alle in vier Jahren tot. Hmmm. Keine Frage, einige von uns gewiss. Kann ja immer vorkommen. Weswegen ich hier auch ganz ungeschützt die Vermutung äußere, dass auch einige Ungeimpfte in diesen vier Jahren das Zeitliche segnen werden. Wir wollen ja niemanden ausgrenzen. Aber ob die Chancen auf ein Überleben wirklich steigen, wenn man sich Pferde-Entwurmungsmittel einverleibt oder Chlorreiniger in den Darm pfeift – darüber kann man durchaus nachsinnen. Mit dem Chlorzeugs hat sich erst kürzlich ein prominenter österreichischer Querdenker zu Tode gebracht.

Ich sinne auch und grüble, ob es wirklich besser ist, auf einen Totimpfstoff wie Novavax zu warten, der erstens keiner ist, zweitens schlechteren Schutz bietet und drittens mit Wirkverstärkern daher kommt, die etliche durchaus bekannte Nebenwirkungen haben. Solcherlei Sinnen hat natürlich nicht viel praktischen Sinn, aber das ist ja der Kern der Besinnlichkeit: Zweckfreies Denken über die großen Fragen. Z.B. warum sich die besagten Ungeimpften weiterhin so aufregen, wenn doch in vier Jahren ihnen der Planet sowieso ganz allein gehören wird? Also: Ihnen und dem Corona-Virus.

Ich hör ja schon auf. Das kann's ja nun auch nicht sein, dass sich nun schon das zweite Weihnachten in Folge alles um das beknackte Virus dreht. Schließlich geht es um das Fest der Liebe, der Geschenke, der menschlichen Nähe – ja, ich merk's ja selber: funktioniert nicht. Wie soll man sich denn auch weihnachtlicher Besinnlichkeit hingeben, wenn Karl Lauterbach nach einer Inventur im Impfstofflager verkündet, dass im Frühjahr wahrscheinlich nicht genügend davon da sein wird? Hat denn davor nie jemand nachgezählt? Oder war das Jens Spahns kleiner Überraschungsstreich für den Neuen im Amt? Und der Corona-Karl kriegt demnächst einen Briefumschlag mit dem Schlüssel für einen abgelegenen Lagerraum zugeschickt. Guckmal da. Zwinkersmiley, Jens. Nee, diese Sinnerei bekommt mir nicht.

Meine Nachbarin Barscheck hat kürzlich mal gegoogelt nach Begriffen wie "Besinnlichkeit, Besinnung" usw. Und bekam daraufhin von der Suchmaschine unter der Überschrift "Bilder zu Besinnungslosigkeit" die Auswahl angeboten: "Alkohol, Vatertag, Tanz, Hamburg, Komasaufen". Wieso eigentlich Hamburg? In den Hirnen der Google-Programmierer möchte man auch nicht Weihnachten feiern. Unser Treppenabsatz jedenfalls wünscht Ihnen allen angenehme Festtage. Ob nun geimpft, genesen, geschüttelt oder gerührt. Und wenn jemand unterm Tannenbaum zur Besinnung kommen sollte – allemal besser als Komasaufen in Hamburg.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 17.12.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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