Brunners Welt (Foto: SR)

"Bestands-Wahrung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 10.12.2021 15:40 Uhr

Nr. 862

Nicht dass Sie denken, ich sei bequem geworden auf meine alten Tage. Aber ich gebe zu, dass ich – anders als in Jugendzeiten – nicht mehr in den nächsten Tagen oder Monaten mit der Revolution rechne. Ich weiß nicht mal so ganz genau, ob so eine Umwälzung – revolutio! – mir überhaupt noch recht wäre. Dienstags geht eh nicht, da hab ich Physiotherapie, Donnerstag ist auch schlecht und Freitag kommt immer Frau Schlüter – aber davon abgesehen: Wenn ich mir angucke, wer zur Zeit ernsthaft über Umsturz nachdenkt – falsches Wort, also: darüber twittert, facebookt oder telegramt – nee, lieber nicht. Militante sächsische Impfgegner, die in der online-Gruppe mit "politischen" Mordfantasien spielen – dümmer und ekliger geht’s nimmer.

"Bestands-Wahrung"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 10.12.2021, Länge: 03:51 Min.]
"Bestands-Wahrung"

Vielleicht ist ja Beständigkeit auch inzwischen einfach das altersgemäßere Ziel für mich. Und das gerade in diesen Zeiten der Veränderung. In denen die Ampel umspringt. Noch bevor sie mit uns umspringt. Wie sagt Heraklit: "Nichts ist so beständig wie der Wandel". Und wirklich, wenn man sich ein bisschen umliest in den näheren Umständen des Regierungswechsels, findet sich vieles, was Bestand hat. Andi Scheuer beispielsweise, der anlässlich der Amtsübergabe noch einmal jammert, wie ungerecht man seine Glanzleistungen doch in den Medien behandelt habe! Er aber gehe trotzdem "erhobenen Hauptes", es sei eine gute Zeit gewesen. Genauso haben wir uns Andis Abschied doch vorgestellt, oder?

Schlimmer ist noch, dass sein Nachfolger Volker Wissing von der FDP dann auch brav versichert, das Ministerium "sei gut bestellt" und er werde "nicht alles auf den Kopf stellen". Vielleicht ist es doch so, wie meine Nachbarin Barscheck vermutet, dass auf dem Amt ein Fluch lastet, der jeden neuen Inhaber befällt. Beständig, seit vielen Legislaturperioden.

Schön dagegen zu lesen, dass Cem Özdemir, gerade noch in letzter Sekunde zum Ampelmännchen aufgestiegen, auf dem Fahrrad vom Bundestag zum Bundespräsidenten geradelt ist und, mit der Ernennungsurkunde auf dem Gepäckträger, wieder zurück zur Vereidigung im Hohen Hause. Auf dem Fahrrad – wenn auch mit Elektro-Hilfe. Grüne werden halt auch nicht jünger! Dennoch – ein schönes Zeichen der Beständigkeit. Obwohl: Andi Scheuer hat seinem Nachfolger auch ein Fahrrad geschenkt – aber der Glaubwürdigkeitsfaktor ist bei Özdemir doch eindeutig höher.

Aber auch wer den Blick über den bundesrepublikanischen Tellerrand hebt, über den großen Teich, findet Beständiges zuhauf. Donald Trump, nach eigenem Dafürhalten durch perfiden Betrug abgewählter US-Präsident, bosselt standhaft weiter an seinem Ruf. Nun soll's ins Streaming- und social-media-Geschäft gehen – bis er dann wieder in das ihm zustehende Weiße Haus einzieht. 1,3 Milliarden Dollar hat der Wut-Präsident schon gesammelt, um künftig seine Botschaften unzensiert über die eigene Plattform "Truth social" verbreiten zu können. Dort heißen die einzelnen Nachrichten dann nicht "Tweets" sondern "Truths", also "Wahrheiten“. Weil automatisch alles, was in diesem Netz geschrieben werden wird, wahr ist.

Meine Nachbarin Barscheck freut sich schon auf die erste "Wahrheit", die auf dieser Plattform gelöscht wird, wegen … Unwahrheit? Himmel und Erde müssen vergeh'n, aber die Narren bleiben besteh'n!


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 10.12.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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