Brunners Welt (Foto: SR)

"Nichts wie weg"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.11.2021 15:40 Uhr

Nr. 860

Nicht dass Sie denken, ich wollte Sie wieder mal mit Bagatellen belästigen. Aber es ist ja schließlich nicht nichts, wenn ich mich Tag für Tag oder besser: Abend für Abend aufregen muss. Schlimm genug, dass sich die Werbetreibenden offenbar wie die Geier auf die letzten Minuten und Sekunden vor der Tagesschau stürzen. Wohl wissend, dass sich der informationshungrige Bürger und die wissensdurstige Bürgerin natürlich in eben diesen letzten Sekunden bereits vor dem Bildschirm einfinden. Und deshalb nicht umhin können, die Hervorbringungen der Produkt-Propagandisten zur Kenntnis zu nehmen.

"Nichts wie weg"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 26.11.2021, Länge: 03:45 Min.]
"Nichts wie weg"

Schlimm genug, wie gesagt, aber schlimmer noch, dass es sich dabei nun schon seit gefühlten Jahren um die Verdauungsprobleme irgendwelcher ZeitgenossInnen dreht, die dank des angebotenen Präparates angeblich verschwunden sind. Schön für sie, schön offenbar auch für das Getier, das aus unerklärlichen Gründen diese intimen Geständnisse vor der Kamera begleitet. Hunde, Möpse – ja , das ist ein Unterschied! - Papageien, Katzen und wahrscheinlich auch Lurche, Grottenolme und Quastenflosser, die gesamte Tierwelt wird da aufgeboten, um die Aussage ihrer Herrchen und Frauchen und Diverschen zu unterstreichen, die Beschwerden seien „wie weg“.

Was, um alle Welt soll das heißen? Sind sie nun weg oder nicht? Oder tun sie nur als ob? Diese Formulierung ist schlicht Quatsch. Gibt's nicht im Deutschen.  Die korrekte Formulierung lautet: „Wie weggeblasen“. Jaaa, ich weiß, liebe Kreativschaffende in der Werbung, das Wort „weggeblasen“ ist im Zusammenhang mit der in Frage stehenden Problematik nicht ganz ohne Geschmäckle. Oder Gerüchle.

Aber bitte: Bevor ihr solch völligen Unsinn in die Welt blast, die Symptome könnten doch auch wie weggehext sein. Oder wie weggezaubert. Oder einfach weg. Aber nicht „wie weg“! Nicht verstanden? Für einen Bruchteil der Kosten für die Primetime-Sendezeit könnt ihr einen Germanisten oder eine Linguistin einer renommierten Hochschule engagieren, der oder die es euch erklärt.

Wenn wir schon dabei sind: Warum eigentlich füllen bevorzugt junge Menschen ihre Sätze seit einiger Zeit mit unzähligen eingeschobenen „Genau“s auf?  Ich vermute mal, dass sie oft einfach... genau, nicht wissen, was sie eigentlich... genau, genau sagen wollen. Gerne wird auch noch „keine Ahnung“ oder „ich weiß ja auch nicht“ dazu genommen. Das wäre wenigstens ehrlich, wenn es denn so gemeint wäre.

Meine Nachbarin Barscheck findet schon genug Schwurbeleien im neuen Ampel-Koalitionsvertrag. Da wimmelt es nur so von „wollen“ und „sollen“, nur selten heißt's „wir werden“. Dafür aber schon in der Präampel – äh...Präambel – ein keckes „Wir haben Lust auf Neues“ und heißa! genau so sieht Olaf Scholz ja auch aus. Beim vorgezogenen Kohleausstieg schreibt die Ampel dann: „Idealerweise gelingt das schon bis 2030“.

Gut, Barscheck ist da auch gerade etwas empfindlich. Hatte ihr doch auch die Abflussreinigungsfirma zugesagt, „idealerweise“ sei der Abfluss ihrer Spüle in einer Stunde wieder frei. Ideal und Wirklichkeit... Seit nunmehr drei Tagen spült meine Nachbarin bei mir. Bis heute. Dabei hätte es gerade in diesem Fall doch einmal klappen können: Kurz durchgespült -  und die Verstopfung wäre „wie weg“ gewesen.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 26.11.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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