Brunners Welt (Foto: SR)

"Nennen lernen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 19.11.2021 16:40 Uhr

Nr. 859

Nicht dass Sie denken, ich wüsste nicht um die Macht der Sprache. Die Dinge sind,  zum großen Teil wenigstens, wie wir sie nennen. Nehmen wir nur mal zum Beispiel die "epidemische Lage von nationaler Tragweite", also die Situation, in der wir uns seit dem 25. März 2020 befinden. Offiziell, denn an diesem Tag hat der deutsche Bundestag eben diese Lage festgestellt. Nun soll sie aber zum  25. November 21 auslaufen. Das fand Jens Spahn noch anfangs dieses Monats gut, vor allem wegen der hohen Impfquote in Deutschland.

"Nennen lernen"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 19.11.2021, Länge: 04:12 Min.]
"Nennen lernen"

Inzwischen allerdings ist die Union und damit auch ihr Noch-Minister Spahn strikt gegen ein Auslaufen der epidemischen Lage. Was hat sich geändert in diesen knapp drei Wochen? Hat das Corona-Virus endlich die Waffen gestreckt, zappelt mitleidheischend hilflos mit den Spikebeinchen und hat das Infizieren von deutschen Bürgerinnen und Bürgern eingestellt? Nein, natürlich nicht. Eher im Gegenteil. Aber die Union hat festgestellt, dass sie sich in den nächsten vier Jahren höchstwahrscheinlich in der Opposition befindet. Also dagegen zu sein hat, wenn die ebenso höchstwahrscheinlich kommende Regierungskoalition etwas beschließt.

Also will sie nun die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" verlängern. Und zwar wegen der weitaus zu niedrigen Impfquote in Deutschland. Die beklagt auch die wohl bald regierende Ampelkoalition. Lässt aber doch auslaufen wegen... wegen FDP. Wobei man betont, das bedeute keinesfalls das Ende von Corona. Denn natürlich gebe es weiterhin eine schreckliche Epidemie, die die ganze Republik betreffe, also eine Notlage, von nationaler Tragweite gewissermaßen. Aber das müsse man ja nun nicht unbedingt so nennen. Das sei ohnehin nur ein juristischer Begriff. Dafür ergreife man jetzt ja auch neue wirksame Maßnahmen.

Zum Beispiel 3-G im öffentlichen Personenverkehr. Das solle auch unbedingt kontrolliert werden. Von den jeweiligen Verkehrsbetrieben. Zumindest stichprobenartig, weil sonst ja eben dieser Nahverkehr zusammenbräche. Und so mancher Busfahrer spätestens nach der zweiten Haltestelle vermutlich nicht mehr fahrtauglich wäre. Aber man nennt es halt 3-G. So wie ich auch kürzlich von offizieller  Seite hörte, dass bei Veranstaltungen in einer städtischen Stadtteil-Bibliothek in Saarbrücken die 3-G-Regel nicht anzuwenden sei. Die gelte nur in öffentlichen Innenräumen. Wofür ich solch eine öffentlich zugängliche Bibliothek mit Dach und vier Wänden auch zunächst gehalten hätte. In meiner grenzenlosen Naivität. Denn offenbar ist es im behördlichen Sprachgebrauch etwas völlig anderes.

Wer soll das verstehen? Und wen wundert es da wirklich noch, wenn so viele Menschen lieber den selbsternannten Propheten im Internet folgen? Der berüchtigte Doktor C., der weder ein Doktor ist noch C. heißt sondern Klein, erklärt auf youtube, der Impfstoff sei gar keiner, sondern eine Mischung aus extraterrestrischen Spinneneiern, Leichenteilen und Krebszellen und solle und werde uns alle umbringen. Es sei denn, man bestelle umgehend die von ihm angebotenen Salben, Pülverchen und Tröpfchen. Das ist eine klare Botschaft, über deren Beweggründe man sich nicht lange Gedanken machen muss: Der selbsternannte Doktor hat mehrere an der Waffel und möchte einen Haufen Kohle verdienen. Klar,  aber wenn's gegen die außerirdischen Spinnen hilft!

Meine Nachbarin Barscheck gibt zu bedenken, dass dieser Doktor C. auch verkündet habe, dass alle Geimpften schon im September tot sein würden. Was ja offenkundig nicht eingetroffen sei.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 19.11.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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