Brunners Welt (Foto: SR)

"Fragen über Fragen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.11.2021 15:40 Uhr

Nr. 858

Nicht dass Sie denken, ich hätte auf alles eine Antwort. Aber zumindest gehen mir die Fragen nicht aus. Die Frage ist nur, ob man tatsächlich alles fragen darf? "Fragen kannst du alles", hieß es in meiner Kindheit, "nur ob du eine Antwort kriegst…" Aber da gab es ja auch noch das Versprechen der Sesamstraße: "Fragt nur, Kinder, was das Zeug hält! Wer nicht fragt, bleibt dumm." Trotzdem wurde mir schon früh klar, dass auf die Frage "Was gibt es heute zu essen?" eher mit einer Auskunft zu rechnen war als auf die nach der Herkunft der kleinen Kinder. Oder sehr viel später auf die Frage "Papa, was hast du eigentlich im Dritten Reich gemacht?"

"Fragen über Fragen"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 12.11.2021, Länge: 03:41 Min.]
"Fragen über Fragen"

Dann gibt es ja auch noch die rhetorischen Fragen, die ja eigentlich Antworten sind, die man sich schon längst vor dem Stellen der Frage gegeben hat. Sowas wie "Bist du eigentlich blöd?" Darauf gibt es meist auch keine Antwort. Zumindest keine verbale. Weshalb man lieber auch gar nicht so fragen sollte.

Zurzeit allerdings stellt sich an einigen Fronten ganz ernsthaft die Frage, was man fragen darf. Vor kurzem hat der WDR sich entschieden, nicht weiter mit der Journalistin Nemi El-Hassan zusammen zu arbeiten. Der Grund waren Vorwürfe, die junge Frau mit palästinensischen Wurzeln habe sich antisemitisch geäußert und sich nicht klar genug von islamistischen Gruppierungen und Gewalttaten distanziert. Nun sind aus dem Gespräch, in dem der WDR zu dieser Entscheidung gekommen ist, dabei gestellte Fragen veröffentlicht worden. So soll laut einem Gedächtnisprotokoll gefragt worden sein, wie oft Frau El-Hassan denn am Tag bete. Oder ob ihre Onkel oder Tanten Verbindungen zum politischen Islam gehabt hätten.

Nicht nur, dass das Dinge sind, die einen zukünftigen Arbeitgeber genauso wenig angehen, wie die Parteimitgliedschaft oder Religionszugehörigkeit – hinter diesen Fragezeichen-Sätzen lässt sich schon eine gewisse Grundeinstellung erkennen. Wie oft ist ein Gebet am Tag denn o. k.? Bis zu welchem Grade muss denn die Verwandtschaft politisch einwandfrei sein? Und wie soll man das nachweisen? Und vor allem: Kann man sich vorstellen, dass man von einem Christen wissen wollte, wie oft er die Kirche besucht? Wird jeder journalistische Bewerber nach der politischen Einstellung mehr oder weniger entfernter Verwandter gefragt?

Und das in einem Land, in dem es dem Arbeitgeber verwehrt ist, nach eventuellen Schwangerschaften zu fragen, oder nach Krankheiten. Oder, ganz aktuell, nach dem Impf-Status. Letzteres führt gelegentlich ins logische Dilemma: Wie soll beispielsweise ein Arbeitgeber die 3G Regeln in seinem Unternehmen durchsetzen, wenn niemand darüber Auskunft geben muss, ob und welches G denn auf ihn zutrifft? Wie kann ich als vorsichtiger Bürger beim Besuch einer Amtsstube oder einer Bank sicherstellen, dass die mir gegenüber sitzenden, stehenden, auf jeden Fall atmenden Menschen zumindest getestet sind? Da ist die Antwort ziemlich klar: Kann ich nicht. Weil ja nicht einmal deren Chef wissen darf, ob seine MitarbeiterInnen irgend ein G erfüllen.

Meine Nachbarin Barscheck schlägt vor, die Beschäftigten zur vorgezogenen Weihnachtsfeier in ein Lokal einzuladen. Und dann einfach am Eingang zuzusehen, wie dort der entsprechende Status festgestellt wird. Woraus wir erkennen, dass Barscheck in letzter Zeit nicht sehr oft ausgegangen ist. Bei meinem letzten Kneipenbesuch kam die Bedienung an unseren Tisch und fragte: "Unn, alle geimpft oder getestet? Dann ist ja gudd. Bierchen?" Gut gefragt. Und gut geantwortet: "Vier Große, bitte!"

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 12.11.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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