Brunners Welt (Foto: SR)

"Basis-Demokratie"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 05.11.2021 15:40 Uhr

Nr. 857

Nicht dass Sie denken, ich wünschte mir mehr Verbote. Aber eins bitte schon noch: Zugmetaphern über irgendwelche politischen Vorgänge sollten dringend untersagt werden. Nach all den Schulz-und Scholzzügen, den gestellten Weichen, den Abstellgleisen und Fahrplänen und was dergleichen sonst noch den Hirnen schreibender Modell-Eisenbahner entschlüpft ist bis heute, reicht es.

Ein letztes Prachtexemplar hat uns noch Julia Klöckner beschert mit ihrer luziden Einschätzung der Situation ihrer Partei: "Man hat den Eindruck, dass der Zug schon rollt und die CDU steht noch am Bahnhof." Die Übergangs-Landwirtschaftsministerin hat den Pfiff zumindest gehört. Aber sie wird demnächst ja wohl wieder in ihren Ausbildungsberuf als Weinkönigin zurückkehren.

"Basis-Demokratie"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 05.11.2021, Länge: 04:01 Min.]
"Basis-Demokratie"

Vorstellen natürlich kann man sich schon sehr gut, wie die CDU ratlos an irgendwelchen Bahnsteigen steht. Schließlich soll ja ein neuer Reiseleiter – Reiseleiterin ist eher unwahrscheinlich, Frau Barscheck – erst gefunden werden. Schlimmer noch: Gewählt. Denn jetzt im tiefen Elend hat sich die Union noch einmal erinnert: da war doch noch  was … die … die Basis! Also nicht diese neue Querdenker-Partei, nee, diese... sach schon... Mitglieder, ja! Die können doch jetzt mal sagen, wo's langgehen soll. Oder zumindest, wer uns dahin bringen soll. Das macht man doch heute irgendwie so, ist modern. Und außerdem ist es angesichts des Kandidatenaufgebots auf jeden Fall besser, man hat dann hinterher 400.000 Schuldige am Ergebnis.

Noch hat zwar keiner die Hand gehoben, den Hut in den Ring geworfen oder, ja doch!, die Lok aufs Gleis gestellt, aber auf der Wagenstandsanzeige stehen doch schon so ein paar Namen. Jens Spahn, Norbert Röttgen, Carsten Linnemann, Ralph Brinkmann und natürlich Friedrich Merz. Der angebliche Liebling der Parteibasis. Der Mann, der dem Parteiprofil wieder ein paar Kanten beibiegen soll. Natürlich ist nach Armins Flummihaftigkeit das Bedürfnis nach etwas definierteren Strukturen verständlich. Aber Kanten machen manchmal auch einfach nur Aua. Ich sag nur Stuhlbein und Schienbein.

Der Armin jedenfalls hat's ja nun mal gern weich und rund, deswegen sucht er auch immer noch nach einem "Konsens-Kandidaten". Ist das nicht süß? Wikipedia erklärt das Wort Konsens als "die übereinstimmende Meinung von Personen zu einer bestimmten Frage ohne verdeckten oder offenen Widerspruch". Kannst du vergessen in der CDU, Armin. Merkst du selbst, ne? Da gibt's nur über eins Konsens: Dass ihr euch niemals auf einen Kandidaten einigen könnt. Spahn zum Beispiel ist ja immer noch sauer auf Friedrich Merz, wegen … sagen wir es mit der Saarbrücker Zeitung, seiner "umstrittenen Äußerung … zu einem potenziell schwulen Bundeskanzler". Sie meinte vermutlich "wegen eines potenziellen Bundeskanzlers, der schwul ist". Röttgen wiederum hat sich so lange von allen anderen abgegrenzt, dass da mit Konsens nun auch nicht mehr zu rechnen ist.

Schade eigentlich, denn ein Gutes hätte so ein Konsenskandidat ja doch, meint meine Nachbarin Barscheck. Das wäre dann nur einer, und über den könnte die CDU ganz ruhig ihre MitgliederInnenschaft abstimmen lassen. Könnte ja nicht viel passieren. Außer natürlich, der Kandidat würde so richtig abstinken bei der Befragung. Aber hey, das sind CDU-Mitglieder, sowas machen die nich. Dafür haben die viel zu viel Angst, dass der Zug dann endgültig ohne sie abfährt. Ja, ich weiß – Zugmetapher.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 05.11.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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