Brunners Welt (Foto: SR)

"Vorsintflutlich"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 29.10.2021 16:40 Uhr

Nr. 856

Nicht dass Sie denken, ich freute mich nicht auf die Rückkehr zur Normalität. Und sie kommt ja auch, an allen Ecken und Enden erhebt sie ihr im Nacken und an der Seite sorgfältig ausrasiertes Haupt. Die Uhr wird zurückgestellt, der Langenscheidt-Verlag verkündet das Jugendwort des Jahres und Jens Spahn beendet die Epidemie. Bzw. deren Lage. Super, voll normal. War so, ist so und wird so bleiben. Da kann man sich schon ein bisschen zu Hause fühlen.

Selbst das Wenige, was aus koalitionsbildenden Kreisen zu uns Sterblichen dringt, klingt auch schon wieder normal: Bewaffnete Kampfdrohnen? Ja, wenn's denn dem Schutze unserer Soldat*innen dient. Check! Hartz-IV-Probleme werden durch Umbenennung in "Bürgergeld" gelöst? Check! Nukleare Teilhabe? Da zieren sich die Grünen noch ein bisschen, aber aus ihrer Heinrich-Böll-Stiftung tönt es schon, man solle die "nukleare Schutzzusage" durch "die nukleare Teilhabe unterstützen". Oder O-Ton Annalena: Man könne ja "nicht einfach sagen, wir schicken die US-Atomwaffen mal eben in die USA zurück". Also: das wird schon noch. Check! Und natürlich der gemeinsame Kotau vor Christian Lindner: Schuldenbremse, keine Steuererhöhungen, schwarze Null, Sparen. Das ist schon fast wieder zu viel Normalität – für eine Zukunftskoalition zumal.

"Vorsintflutlich"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 29.10.2021, Länge: 04:06 Min.]
"Vorsintflutlich"

Vielleicht melden sich deswegen entsetzte internationale Wirtschaftsexperten zu Wort, aufgescheucht von der Vorstellung, eben dieser Lindner könne deutscher Finanzminister werden. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und der renommierte Wirtschaftshistoriker Adam Tooze formulieren es deutlich: "Das wäre schlecht für Europa und schlecht für Deutschland". Denn Lindner habe, schreiben sie weiter, eine "vorsintflutliche haushaltspolitische Agenda". Wow! Das ist starker Tobak.

Dass die FDP nicht gerade auf der Höhe der aktuellen ökonomischen Debatte ist, war uns ja eigentlich klar, aber vorsintflutlich? Das ist verdammt lange her! Selbst die verbohrtesten Anhänger des Kreationismus, die vehement vertreten, dass Gott die Erde und alles darauf und darum in sechs Tagen und vor rund 6000 Jahren gefertigt hat, datieren die fastallesverschlingende Flut auf eine Zeit vor ca. 4500 Jahren. Eine Epoche also, in der es nicht nur keine Schwarze Null sondern noch überhaupt keine Null gab. Folgerichtig auch noch keinen Liberalismus. Fest steht nur – zumindest wenn man den biblischen Berichten folgen mag – dass die Menschheit an sich böse war, was ja dem Herrn dann auch den Grund dafür bot, sie und sämtliches Getier vom Erdboden zu vertilgen.

Wie gesagt: Fast, da war ja noch die Sache mit Noah und seiner Arche. Auf der zwar kein Platz war für einen Markt, der irgendwas hätte regeln können, aber bestimmt schon Sparzwang. Steuern wurden vermutlich auch nicht erhoben, war ja alles eine Familie, und die Tiere waren eher so etwas wie Anlagevermögen. Für die spätere Welt-AG. Nur echt mit dem Regenbogen-Logo.

Und dann war ja  noch dieser Globalisierungs-Auftrag: "Seid fruchtbar, mehret euch und bevölkert die Erde. Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf die Tiere der Erde legen… Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen." Ja, und daraus ist dann irgendwie irgendwann die FDP geworden und stellt nun vielleicht den Finanzminister. Und spätestens nach einem halben Jahr, meint meine Nachbarin Barscheck, finden wir das dann auch voll normal. Bis zum nächsten Starkregen!


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 29.10.2021 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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