Brunners Welt (Foto: SR)

"Schnelle Freiheit"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.10.2021 16:40 Uhr

Nr. 855

Nicht dass Sie denken, ich hätte generell etwas gegen Schnelligkeit. Ich finde es beispielsweise großartig, dass SPD, Grüne und FDP so flott waren im Sondieren, dass sie jetzt schon in Koalitionsverhandlungen einsteigen konnten. Und noch vor Weihnachten fertig sein wollen. Das nenn ich zügig. Leider sind dafür ebenso zügig Zusagen unter die Räder gekommen, auf die sich möglicherweise doch einige Wählerinnen und Wähler verlassen hatten.

Nehmen wir nur mal das Tempolimit. Das war doch für SPD und Grüne eine ausgemachte Sache. 130 auf Autobahnen – und gut ist. Aber das ging natürlich nicht mit dem flotten Christian. Der hatte ja wiederum seinen Stimmengebern versprochen, dass so eine sozialistisch- ökodiktatorische Einschränkung der Freiheitsrechte mit ihm nicht zu machen sei. Vielleicht glaubt er sogar an die wackligen Argumente, die gegen ein solches Limit vorgebracht werden. Das kann passieren, wenn man einen ganzen Wahlkampf lang bis tief in die Nacht voll Sorge um das Vaterland Aktenberge wälzt. Und das in schwarz-weiß. Da lassen einen die müdigkeitsgeschwächten Augen auch schon mal übersehen, dass man sogar gegen die Mehrheit der Deutschen entscheidet.

"Schnelle Freiheit"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 22.10.2021, Länge: 04:05 Min.]
"Schnelle Freiheit"

Überhaupt: Drei Viertel der deutschen AutofahrerInnen fahren nach eigenen Angaben ohnehin nicht schneller als 130. Denen könnte es also schon mal wurscht sein, so ein Tempolimit. Aber die, so vermutet der smarte junge Automobilist mit FDP-Parteibuch, sind sowieso samt und sonders in alten Gurken unterwegs, die spätestens bei 120 schon mit Kolbenfresser auf den Standstreifen hoppeln. Wenig zu sagen gibt es leider dagegen, dass Umwelt und Verkehrssicherheit von einem Limit profitieren würden.

Ohoho, lese ich da, von wegen Sicherheit: Gefährlicher wäre es! Weil beim Dahinzockeln mit 130 dem Fahrer oder der Fahrerin so langweilig wäre, dass die Aufmerksamkeit drastisch nachließe. Ein Effekt, der allerdings bei den oben erwähnten 75 Prozent der FahrerInnen nicht zu beobachten ist. Aber die kennen's ja auch nicht anders. Und die Kosten? Langsamer fahren heißt später ankommen! 65 Millionen Stunden gingen bei Tempo 130 so verloren, sagte kürzlich eine Studie. Arbeitsstunden! Und das wären 1,3 Milliarden Euro Verlust pro Jahr! Nun fahren nur ganze 1 bis 4 Prozent gerne schon mal über 160, sagt die Statistik. Das sind nicht viele. Aber es ist wohl die wirtschaftliche Elite, die solche horrenden Verluste macht, wenn sie nicht arbeitet. Sonst könnten sie sich ja auch die rasanten Schleudern gar nicht leisten, mit denen sie von Meeting zu Meeting hetzen.

Die haben dabei natürlich auch keine Zeit nachzurechnen, dass der auf 130 runtergeregelte Verkehrsfluss deutlich weniger Staus brächte und somit den heraufbeschworenen volkswirtschaftlichen Schaden wieder ausgliche. Abgesehen davon: Sollten sich unsere rasenden Leistungsträger nicht viel besser in den Zug setzen und dort einfach mobil weiterarbeiten? Was für ein volkswirtschaftlicher Gewinn! Sollte man mal ausrechnen.

Und was die Freiheit angeht, Herr Lindner: Seit 1973 Schluss war mit freiem Saufen freier Bürger am Steuer und 1976 auch noch die freie Bewegung durch die Gurtpflicht staatlich eingeschränkt wurde, ist die Zahl tödlicher Unfälle drastisch gesunken. Meine Nachbarin Barscheck meint ja, dass da mit Logik nicht viel auszurichten sei. Weil bei der Diskussion um ein Tempolimit ganz andere Körperregionen angesprochen seien als das Hirn. Aber das ist natürlich auch keine Wissenschaft - allenfalls weibliche Intuition.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 22.10.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja