Brunners Welt (Foto: SR)

"Da pfeift doch wer"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.10.2021 16:20 Uhr

Nr. 854

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Pfeifen. Also nicht die Rauchgeräte, von wegen "drei Dinge braucht der Mann...", sondern die Tonerzeugung per Luftstrom durch die gespitzten Lippen. Gerne zur Ermutigung genutzt, wenn man als ängstliches Gemüt durch den dunklen Wald geht. Oder, hormonell ausgelöst, beim Bauarbeiter, wenn Personen weiblichen Geschlechtes seinen Arbeitsplatz passieren. In jungen Jahren fand ich die Jungs besonders cool, die grelle Pfiffe erzeugen konnten, indem sie zwei Finger in den Mund steckten. Und Ilse Werner, erste und einzige Kunstpfeiferin, die ich kannte. So weit, so banal.

"Da pfeift doch wer"
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, Der Brunner, 15.10.2021, Länge: 03:57 Min.]
"Da pfeift doch wer"

Dann aber tauchte der whistleblower auf – oder die whistleblowerin! Anfang der 70er Jahre zum ersten Mal in den USA – etwas später dann auch im Deutschen. Als Bezeichnung für jemanden, der Geheimnisse ausplaudert, die für die Öffentlichkeit wichtig sind. 1971 beispielsweise, als ein gewisser Daniel Ellsberg mit den Pentagon Papers Brisantes über den Vietnam-Krieg enthüllte. Whistleblower machen sich natürlich nicht beliebt bei den Betroffenen, Richard Nixon wütete damals: "Lass uns den Hurensohn ins Gefängnis bringen!" Hat letztlich nicht geklappt.

Aktuell pfeift es gerade mächtig Marc Zuckerbergs facebook in den Ohren. Frances Haugen, ehemalige facebook-Mitarbeiterin, behauptet in der Presse und zuletzt auch im amerikanischen Kongress: "Facebook stellt Profite über die Menschen." Und sie kann das auch mit Dokumenten belegen. Facebook weiß, dass Mädchen und junge Frauen durch die gephotoshopten Bilder auf instagram in Essstörungen und Depressionen getrieben werden, dass mexikanische Drogenkartelle auf ihren Seiten ungeniert Auftragskiller suchen oder dass ethnische oder religiöse Konflikte in verschiedenen Ländern durch Hass-Posts bei facebook  entscheidend mit befeuert werden. Aber letztlich ist dann eben doch die Weiterverbreitung und damit der Profit von facebook wichtiger, als entschlossene Gegenmaßnahmen. Sagt Frau Haugen.

Ich weiß ja nicht, wie's Ihnen geht, aber ganz ehrlich – eine bestürzend neue Erkenntnis war das für mich jetzt eigentlich nicht. Ich meine, die Tabakindustrie beispielsweise, wusste und weiß doch auch, was ihre Produkte anrichten. Unseren Autokonzernen dürfte klar gewesen sein, dass ihre dreckigen Motoren Gesundheitsschäden hervorrufen – das hat sie aber nicht von ihren Software-Betrügereien abgehalten. Und die Lebensmittelkonzerne, die uns und unseren Kindern nicht nur viel zu stark gezuckertes oder gesalzenes oder zu fettes Zeug andrehen, sondern auch noch unbeschwert den Kram als "gesund" bewerben, wissen auch was sie tun. Ich könnte mir vorstellen, dass sogar die BILD-Zeitung eine Ahnung davon hat, was sie mit ihren reißerischen und gelogenen Berichten schon alles angerichtet hat. Und die alle machen das alles, weil sie "Profite über die Menschen stellen."

Schlimm, natürlich, aber das ist nun mal das Geschäftsprinzip unserer Wirtschaft. Um das zu wissen, brauchen wir nicht mal WhistleblowerInnen. Zeitung lesen reicht. Als kürzlich facebook und what's app für sechs Stunden vom Netz waren, wegen Panne, witterte so mancher Verschwörungsschwurbler schon die Apokalypse. Der Wendler verkündete "Jetzt geht’s los!" und prophezeite im Anschluss "Zehn Tage der Dunkelheit" bis zum endgültigen Ende.. Das kam nicht. Andere wiederum sahen die facebook-lose Zeit im Gegenteil als Erleuchtung. "Hetzefrei", wie ein Nutzer twitterte. Wendler und Konsorten jedenfalls versorgen uns weiterhin mit ihren angeblichen Geheimnissen.

Aber, wie meine Nachbarin Barscheck sagt: Nicht jede Pfeife ist ein whistleblower.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 15.10.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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