Brunners Welt (Foto: SR)

"Sonderzug nach Irgendwo"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.10.2021 16:40 Uhr

Nr. 853

Nicht dass Sie denken, ich hätte mal wieder zu viel gefeiert. Was denn auch? Trotzdem brummt mir der Schädel wie ein Bienenschwarm, es flimmert mir vor den Augen wie eine Fata Morgana über heißem Wüstensand. In den Ohren ein Raunen und Wispern wie von 10 mal 100 Wichteln und Elfen. Aber nein, kein Alkohol und keine bewusstseinsverändernden Drogen sind im Spiel. Ich bin das Opfer einer Überdosis Metaphern und anderer Sprachbilder, die seit der Wahl in einer unaufhaltsamen Flut aus Bildschirmen und Zeitungen quellen.

"Sonderzug nach Irgendwo"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 08.10.2021, Länge: 04:03 Min.]
"Sonderzug nach Irgendwo"

Jeder, der meint, Olaf Scholz sei der Kanzlerschaft ein kleines Stück näher gekommen, lässt natürlich den "Scholz-Zug" fahren. Nicht eben originell, aber verständlich, wenn schon die Namen des aktuellen und des verflossenen SPD- Kandidaten sich so ähneln. Der damals so souverän aufs Abstellgleis gefahren war. Was aber tut der Scholz-Zug? Er "rollt", natürlich Richtung Kanzleramt, denn FDP und Grüne haben "die Weichen gestellt". Drei Absätze weiter, gleicher Artikel: "Der Scholz-Zug steht jetzt auf den Gleisen." Ja, worauf ist er denn vorher gerollt? Keine Zeit, darüber länger nachzudenken, schon twittert Peter Altmaier die neuesten Nachrichten von der Bahnsteigkante: "Soeben hat der Ampel-Zug den Bahnhof verlassen." Einsam steht Armin Laschet vor der geänderten Wagenstandsanzeige und ruft dem ausfahrenden Zug hinterher: "Wir stehen bereit für weitere Gespräche!"

Derweilen Markus Söder verstanden hat, dass der Zug wohl abgefahren ist. Keine "Dauerlauerstellung" dürfe es da mehr geben, kalauert der Bayer, während dem armen Armin nur noch ein warmes Süppchen in der Bahnhofsmission bleibt. An Bord des Sonderzuges "Olaf" bildet Christian Lindner "ein fortschrittsfreundliches Zentrum, das sich nach vorn bewegt". Nächster Halt Fortschrittskoalition, die natürlich ganz etwas anderes ist als die Laschetsche Zukunftskoalition. Aber noch lange "keine Komplettabsage an Jamaika", versichert Zugbegleiter Habeck, weil sich die Grünen "diese Tür aufhalten wollen". Schwierig in einem fahrenden Zug.

Im Speisewagen klappert offenbar Christian Lindner schon mit den Jetons zum Spiel, aber der Grüne will "kein künstliches Pokerspiel", dazu sei keine Zeit, die Koalitionsverhandlungen müssten nach einer einstelligen Zahl von Sondierungsrunden beginnen. "Einstellig: Von Eins bis Neun" erklärt uns der zahlenaffine Kommentator, sieht allerdings "noch keinen gelben Rauch über der FDP Zentrale aufziehen" und metaphert sich so wohlgemut vom Bahnhof übers Spielcasino zur Papstwahl. Jesses! Nicht so einfach offenbar, aus drei Alphamännchen drei Ampelmännchen zu machen.

Rot heißt stehen, grün heißt gehen, hat man uns Kindern früher eingebläut. Von Gelb war da gar nie die Rede. Das war immer nur der Übergang von Rot zu Grün oder umgekehrt. Aber nein! Denn es hält das gelbe Licht, was es dem Wahlvolk stets verspricht: Nur eine "Regierung der Mitte" komme für die Liberalen in Frage, die den "Wert der Freiheit" hochhalte. Wo Rot und Grün nichts anderes einfalle, als simples Ge- oder Verbot, da blinkt die gelbe Leuchte doch ein eigenverantwortliches "Achtung", aus dem mündige Bürger und Bürgerinnen dann selbst etwas machen sollen.

Meine Nachbarin Barscheck hat jedenfalls jetzt schon die Kaffeesatzleserei der Medien mehr als satt. Und wenn der Scholz-Zug jetzt nicht ganz zügig auf Kurs kommt, droht sie, dann ruft sie mal den Weselsky an. Alle Räder stehen still, wenn Frau Barscheck das so will.


Mehr zum Thema:

ARD-Hauptstadtkorrespondentin Nina Amin zu den Ampel-Sondierungsgesprächen
"Ampel"-Atmosphäre von Zuversicht geprägt
Nach dem ersten Ampel-Sondierungsgespräch vom 7. Oktober ist die Stimmung bei SPD, FDP und Grünen offenbar zuversichtlich, dass es mit einem Regierungsbündnis klappen könnte. Für Armin Laschet dagegen stünden die Zeichen auf Rückzug, berichtete Nina Amin aus dem ARD-Hauptstadtstudio im SR-Interview.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 08.10.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja