Brunners Welt (Foto: SR)

"Deutliche Entscheidung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 01.10.2021 15:40 Uhr

Nr. 852

Nicht dass Sie denken, ich liebte Hängepartien nach abgeschlossenen Wahlvorgängen. Nichts schlimmer, als wenn man sich nach einem längeren Studium des Angebotes endlich dazu durchgerungen hat, das argentinische Rumpsteak mit frischen Waldpilzen zu wählen und dann vom Kellner zu hören: "Da muss ich erst mal schauen, ob das noch da ist."

Gottseidank gab's ja am vergangenen Sonntag eine glasklare Entscheidung: 56,3 Prozent aller Berlinerinnen und Berliner sind dafür, "Deutsche Wohnen & Co" zu enteignen. 56,3 Prozent! Wäre Armin Laschet in den vergangenen Wochen so eine Zahl im Traum erschienen, er hätte den Pyjama wechseln müssen. Olaf Scholz wäre im gleichen Fall zumindest eine Augenbraue nach oben gerutscht. 56,3 Prozent, das ist nicht nur eine Mehrheit, das ist eine absolute Mehrheit. Und das beim Thema "Enteignung". Ein Wort, bei dessen Nennung in meinen Jugendjahren sofort der Verfassungsschutz nebst SEK auf der Matte gestanden hätte. Und heute noch jedes anständige FDP-Mitglied zum Zwecke des Exorzismus – nein, nicht in den Weihwasserkessel - in die Schwarzgeldkasse greift, dreimal "Marktwirtschaft" murmelt und eine Aktie über die linke Schulter wirft. Chapeau, liebe BerlinerInnen, ihr traut euch was!

Ja, ich weiß, das wird wahrscheinlich keinerlei konkrete Auswirkungen haben. Das kommt eben davon, wenn die gleichen BerlinerInnen dann doch eine Kandidatin zur potenziellen regierenden Bürgermeisterin wählen, die schon im Vorfeld deutlich klar gemacht hat, dass so eine Enteignung mit ihr nicht in die Tüte kommt. Seltsam. Aber immerhin haben wir so nochmal erfahren, dass eine Enteignung gar nicht unbedingt illegal ist. Sondern im Grundgesetz tatsächlich vorgesehen: Artikel 15, kann man nachlesen. Momentan sogar im Spiegel und in der Zeit – zusammen mit längeren Erklärungen, warum das aber leider gar nichts bringen würde, im Gegenteil und überhaupt, Profit ist ja nicht nur schlecht, und Eigentum verpflichtet nunmal. Zur Rendite.

Mag alles sein, aber träumen wird man ja noch dürfen. Das tut ja schließlich auch der arme Kanzlerkandidat der Union gerne. Wer weiß, was dem das Sandmännchen in die Augen gestreut hat, dass er so gar nicht seine "krachenstmöglichste Scheitersituation" sehen mochte, wie die rote Kolumnistenbürste Sascha Lobo im Superlativ-Rausch bei Plasberg formulierte. Woher auch immer, jedenfalls hat Armin einen Wählerauftrag vernommen, dass er Kanzler sein und eine "Zukunftskoalition" bilden solle. Schließlich sind 1,6 Prozent mehr Stimmen ja nun noch lange kein Grund, sich als Sieger fühlen zu dürfen. Das darf man bekanntlich erst bei mindestens... weiß ich jetzt auch nicht so genau.

Vielleicht geht Herr Laschet auch mal bei AfD-Frau Weidel in die Mathe-Nachhilfe. Die rechnet sich für ihre sogenannte Partei bei 2,3 Prozent Verlusten sogar eine "deutliche Verbesserung" aus. Wenn man nur das Ergebnis um die Stimmen für die Freien Wähler und die Basis "bereinigt". Genau, Armin! Wenn die ganzen SPD-Wähler stattdessen CDU gewählt hätten, sähe die Sache mit der Kanzlerei doch gleich ganz anders aus.

Meine Nachbarin Barscheck, die natürlich niemals öffentlich verraten würde, wen sie gewählt hat, lässt den Grünen jedenfalls schon mal ausrichten: Wenn die sich auf eine Koalition mit den Schwarzen einlassen, dann wählt sie sie nie wieder. Und wir warten jetzt halt drauf, bis der Kellner aus der Küche zurückkommt. Waldpilze sind leider aus, Leipziger Allerlei wär noch da.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 24.09.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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