Brunners Welt (Foto: SR)

"Helft der Wissenschaft!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.09.2021 16:40 Uhr

Nr. 851

Nicht dass Sie denken, ich hinge ständig am Fenster. Das richtige Alter dafür hätte ich ja inzwischen, aber mental bin ich dann doch noch nicht so weit. Trotzdem kriegt man natürlich das eine oder andere davon mit, was die lieben Nachbarn so treiben. Und das wiederum treibt einen schon manchmal zum Grübeln.

"Helft der Wissenschaft!"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 23.09.2021, Länge: 03:54 Min.]
"Helft der Wissenschaft!"

Kürzlich beispielsweise erblickte ich die junge Frau von nebenan in der fortgeschrittenen abendlichen Dämmerung im Garten hockend, wie sie mit dem Plastikschäufelchen ihres Sohnes irgendetwas ausgrub. Nicht ohne sich dabei immer wieder sichernd umzuschauen. Merkwürdig. Wenn nicht gar verdächtig. Gut möglich übrigens, dass Sie Ähnliches in Ihrer Umgebung beobachtet haben. Bevor sie nun die Aufnahmen ihrer Überwachungskamera, die rein zufällig gerade auf den Nachbarsgarten gerichtet war, der örtlichen Polizeibehörde zusenden – ich kann Sie beruhigen, die Sache ist harmlos. Meine Nachbarin, und vermutlich auch die Ihre, hat Teebeutel aus der Erde geholt.

Nein, die wachsen da nicht, die haben sie Wochen vorher selbst vergraben. Im Auftrag der Wissenschaft. Die möchte nämlich mithilfe von sogenannten „Bürgerforschern“ – und -Forscherinnen natürlich – den sogenannten "Tea-Bag-Index" bestimmen. Anhand der jeweiligen Verrottung des Beutelinhalts gewinnen Wissenschaftler wertvolle Informationen über die Qualität des Bodens. Stolze 4500 Aktions-Sets hat man deutschlandweit an forschungswillige Bürgerinnen und Bürger verteilt. Erste Erkenntnis aus der Aktion: Roibuschtee vergammelt langsamer als beispielsweise Grüntee. Gut zu wissen.

Es geht noch peinlicher: Aus ganz ähnlichen Gründen ließ eine Schweizer Forschungsanstalt Eidgenossinnen und Eidgenossen in diesem Jahr 2000 Baumwoll-Unterhosen in ihren Gärten und Äckern verbuddeln. Ich vermute, das geschah dann eher in tiefer Nacht. Wer möchte sich schon dabei beobachten lassen. Und dann dem Nachbarn oder der Nachbarin mit verkrampftem Grinsen erklären, dass er nur an einer landesweiten Untersuchung zur Bodenqualität mitwirke.

Ich selbst erinnere mich noch mit Grauen daran, wie mich vor vielen Jahren der Tierarzt zur Abgabe einer Urinprobe meines Hundes aufforderte. Es handelte sich um einen Rüden. Also jenes Geschlecht, das zum Pinkeln das Bein hebt. Und zwar mal das Linke, mal das Rechte, wie es dem Tier gerade einfällt, ohne erkennbares System. Auf Anraten der Tierarzthelferin befestigte ich also mit Klebeband eine alte Suppenkelle an einem Besenstiel und versuchte damit im Laufe eines Spaziergangs genügend Material für das Labor zu erhaschen. Aus naheliegenden Gründen – ich lebte damals in einer gutbürgerlichen Reihenhaussiedlung – erst nach Einbruch der Dunkelheit, was das Vorhaben wegen eingeschränkter Sichtverhältnisse auch nicht gerade erleichterte. Zumal ich zur Tarnung eine Sonnenbrille trug. Noch Wochen war für Gesprächsstoff bei den Nachbarschaftstreffen in unserer Siedlung gesorgt.

Meine Nachbarin Barscheck bedauert bis heute, dass sie mich damals nicht gesehen hat. Ihre Experimente, aus dem Satz von Rooibusch-, Grün- und Schwarztee Prognosen zum Ausgang der KanzlerInnenwahl zu erstellen, ist zwar auch peinlich aber völlig unwissenschaftlich. Wer nie seinem Waldi mit einer Suppenkelle nachgelaufen oder Baumwollschlüpfer im Rosenbeet eingegraben hat, weiß nichts von den Opfern, die wahre Wissenschaft manchmal fordert.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 24.09.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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