Brunners Welt (Foto: SR)

"Einer ertrage des anderen Lastenrad"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 10.09.2021 16:40 Uhr

Nr. 849

Nicht dass Sie denken, ich plante jetzt auch die Anschaffung so eines Teils. Eines Lastenrades, Cargo-Bikes oder wie auch immer Sie diese Dinger nun nennen. Bis vor kurzem war mir auch nicht klar, dass die rollenden Transportboxen zum Gegenstand erbitterter Debatten werden könnten, schon gar nicht, dass sich nun auch der Wahlkampf dieser Gefährte bemächtigen würde. Anscheinend aber passt in die Ladebehälter der Strampel-Laster eben nicht nur der Nachwuchs oder der Großeinkauf aus dem Biomarkt sondern noch dazu jede Menge an Vorurteilen, die so in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger rumfliegen.

Einer ertrage des anderen Lastenrad
Podcast [SR 2, Der Brunner, 10.09.2021, Länge: 03:53 Min.]
Einer ertrage des anderen Lastenrad

Und flugs werden aus den doch eigentlich eher praktischen Fahrzeugen Statussymbole angeblicher Öko-Spießer. Wortschöpfungen wie Bionade-Biedermeier oder Alnatura-Adel werden den klobigen Zweirädern aufgepappt bzw. ihren Nutzern nachgerufen. Völlig ungerechtfertigten Platz würden die Cargonen in unseren ohnehin schon allzu vollen Innenstädten einnehmen! Zu voll übrigens hauptsächlich wegen rollender und parkender Kraftfahrzeuge. Aber die haben natürlich die älteren Rechte, also Vorrang. Deutschland aber normal.

So ein Cargorad ist für einen normalen Deutschen allerdings viel zu teuer. Das können sich nur hippe, gut verdienende Stadtbewohner leisten, die gleichen, die auch ihr Gemüse im Bio-Laden und ihr Fleisch gar nicht kaufen, sondern zum Grillfest ihre Presspappe aus Soja oder Erbseneiweiß mitbringen. Grünenwähler! Und vor allem Grünenwählerinnen! Apropos: Seit die Grünen kürzlich vorgeschlagen haben, die Anschaffung eines Lastenrades staatlich mit 1000 Euro zu bezuschussen, kam der Volkszorn erst so richtig in Fahrt. So weit kommt's noch! Gerade hat man sich damit abgefunden, die paar Tausend Euro Förderung zur Anschaffung eines Elektroautos mitzunehmen - als Zweitwagen natürlich, ein richtiges Auto muss schon in der Garage bleiben - da schreit schon die links-grüne Bagage "Wir auch! Wir auch!" Neidhammel.

In diesen Vorwahlzeiten wäre es ja nun einem Wunder gleich gekommen, wenn solcherlei Volksgrummeln nicht von den einschlägigen Wahlkämpfern aufgenommen worden wäre. "Abstrus und weltfremd" seien solche Förderwünsche, verkündet also Unions-Generalsekretär Ziemiak. Und ätzt per Twitter, ob es denn wohl auch ein "Chef-Azubi-Tandem" gäbe, an dem hinten ein Betonmischerhänger angebracht und vorne ein Pressluftbohrer verstaut sei. Da lacht der Stammtisch, aber nicht darüber, dass der CDU-General nicht weiß, dass vielerorts schon längst Zuschüsse für betrieblich eingesetzte Lastenräder gezahlt werden. Und dass große Logistikunternehmen schon zunehmend solche Räder einsetzen. Und die Briefträgerin allemal.

Inzwischen fahren tatsächlich mehr Lastenräder als E-Autos auf Deutschlands Straßen. Und das ist auch gut so, möchte man sagen. Ist es aber nicht, meint Andy Scheuer und tweetet im Vorbeifahren: "Glauben die Grünen wirklich, mit Verboten, Singen und Lastenrad lösen wir die großen Klimafragen?" Nöö, Andy, glauben sie wahrscheinlich nicht. Aber trotzdem ist es klimafreundlicher, seine Einkäufe mit dem Lastenrad nach Hause zu bringen als mit dem fett bezuschussten Hybrid-SUV, der noch nie eine Steckdose gesehen hat.

Was das Singen angeht, meint meine Nachbarin Barscheck, damit könne man die Klimarettung durchaus vorwärts bringen. Und trällert die Prinzen: "Jeder Popel fährt'n Opel, jeder Dödel Jaguar - nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da!"


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 10.09.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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