Brunners Welt (Foto: SR)

"Häh??"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 03.09.2021 16:40 Uhr

Nr. 848

Nicht dass Sie denken, ich verstünde alles, was die um unsere Wahlgunst buhlenden Parteien so in ihre Programme geschrieben haben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nun für oder gegen die "Quellentelekommunikationsüberwachung" sein sollte, oder ob der Kampf gegen das "Cyber-Grooming" nicht doch wichtiger ist. Und was ich unter "Life-Chain" zu verstehen habe.

Häh??
Podcast [SR 2, Der Brunner, 03.09.2021, Länge: 04:07 Min.]
Häh??

Wenn sich Ihnen nun ein ratloses "Häh?" entringt, sind wir schon mitten im Thema. Alle diese schwierigen Begriffe entstammen nämlich aktuellen Parteiprogrammen. Und die, so sagt eine neue Studie der Universität Hohenheim, sind 2021 so unverständlich wie lange nicht. Nur 1994 sei es noch schwerer gewesen herauszubekommen, was die Parteien ihren potentiellen Wählerinnen eigentlich sagen wollten.

Sie erinnern sich vielleicht, 1994, das war das Jahr, in dem sich Helmut Kohl ein letztes Mal über die Ziellinie ins Kanzleramt schleppte. Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde er im Bundestag damals gewählt. Und auch das wäre um ein Haar schief gegangen, weil der Inhaber dieser Stimme leider verschlafen hatte und dann erst in letzter Minute im hohen Hause einlief. Möglicherweise hatte ihn ja die Lektüre des eigenen Wahlprogramms so ermüdet, wer weiß das?

Und wer wüsste gar heute noch, was die SPD damals geschrieben hat, um uns Rudolf Scharping als den richtigen Mann im Kanzleramt anzudienen? Es muss wirklich unverständlich gewesen sein. Dieses Jahr nun, erklärt die Verständlichkeits-Forscherin Claudia Thoms, wimmele es bei den Parteien nur so von Anglizismen sowie Fremd-, Fach- und zusammengesetzten Wörtern. Die Grünen versprechen hoch und heilig sich auf "Fact-Finding-Mission" zu begeben, die FDP ruft nach einem "Carbon-Leaking-Schutz", während die AfD unbedingt eine "supranationale Remigrations-Agenda" abarbeiten möchte.

Man ist nicht sicher, ob eine klare Ausdrucksweise da wirklich weiterhelfen würde. Denn, wie ein Mitarbeiter der Studie sagt: "Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist." Recht hat der Mann. Andererseits ist auch nicht jede Überlegung nur schon deswegen hohl, weil man unfähig ist, sie auszudrücken.

Tatsache ist, dass die Parteiprogramme auch noch länger sind denn je. Masse statt Klasse. Was tun? Alle Parteien bieten neben dem eigentlichen Programmheft auch Kurzfassungen und Texte in einfacher Sprache an. Das klingt dann bei der SPD beispielsweise so: "Alle Menschen in Deutschland sollen eine bessere Zukunft haben. Was wir dafür genau machen wollen, erklären wir später." Und Olaf Scholz schreibt in seinem Vorwort: "Wir haben das Jahr 2021. Das heißt: Wir sind am Anfang von den 2020er Jahren. Es sind sehr viele Aufgaben vor uns. Wir müssen die Aufgaben alle schaffen."

Das ist ja alles gut und richtig, nur klingt es halt doch arg nach der Sendung mit der Maus. Was nicht das Schlechteste ist, auch die schauen ja nicht nur Kinder gern. Trotzdem: Irgendwie müsste es da doch noch was dazwischen geben.

Meine Nachbarin Barscheck meint allerdings, sooo wichtig sei es nun auch wieder nicht, die Wahlprogramme wirklich komplett zu verstehen. Das meiste davon werde ja ohnehin niemals umgesetzt. Da ist was dran.

"Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden", schrieb damals in ihrem ersten Wahlprogramm nach dem Krieg – die CDU.  Ob beispielsweise Friedrich Merz davon je gehört hat? Der soll ja nun laut Laschet das "wirtschafts- und finanzpolitische Gesicht der Union" werden. Wie sollte man das irgendjemandem verständlich erklären?


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 03.09.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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