Brunners Welt (Foto: SR)

„Das Schlimmste verhüten“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.08.2021 16:20 Uhr

Nr. 846

"Das Schlimmste verhüten"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 20.08.2021, Länge: 03:53 Min.]
"Das Schlimmste verhüten"

Nicht dass Sie denken, ich riefe immer gleich nach Rücktritt. Wenn mal etwas schief läuft durch beherztes Eingreifen oder, wesentlich häufiger, durch noch beherzteres Unterlassen seitens unserer Poltikverantwortlichen. Man käme ja aus dem Rufen kaum noch raus. Und meist ist es ja auch gar nicht so recht einzugrenzen, wer denn nun eigentlich zurücktreten müsste. Und wie viele mit ihm oder ihr.

Jetzt ja auch wieder, angesichts des Desasters in Afghanistan. Heiko Maas als Außenminister – klar. Und Verteidigungsministerin AKK natürlich auch. Nur: Müsste da nicht eigentlich auch die Kanzlerin... so als Gesamtverantwortliche? Und warum nicht auch alle die, die vor Monaten schon Berichte und Hinweise der deutschen Botschaft in Kabul einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollten? Die auf Seiten der Regierungskoalition gegen den Antrag der Grünen gestimmt haben, einen Ausreiseplan für Ortskräfte in Afghanistan zu entwickeln, für den Fall einer Taliban-Machtübernahme. Das war im Juni - und wurde aus keinem anderen Grunde abgelehnt, als dass der Vorschlag von den Grünen kam. War ja schließlich schon Wahlkampf, da müssen die afghanischen Ortskräfte schon mal Verständnis haben.

Man bemüht sich ja jetzt auch nach Kräften, die Katastrophe einzudämmen. Es nicht zum Schlimmsten kommen zu lassen. Was nicht etwa wäre, Menschen in Todesgefahr in Afghanistan zurücklassen zu müssen, die für Deutschland und den Westen insgesamt gearbeitet haben in den verschiedensten Positionen. Und all die LehrerInnen, PublizistInnen, WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen, die in gutem Glauben für eine offene Gesellschaft tätig waren. Das ist schon schlimm und macht auch schlechte Presse, aber das Schlimmste wäre ein neues 2015! Was da war? Irgendwas mit Flüchtlingen und Merkel und Grenzen auf und Willkommenskultur mit Luftballons und so. Und vor allem einer AfD, die daraus den Markenkern ihrer sogenannten Partei geklöppelt und sich zur zahlenmäßig ernstzunehmenden Gruppierung aufgeblasen hat. Würden die glatt nochmal machen, wenn jetzt afghanische Flüchtlinge ins Land drängten.

Aber während die AfD noch Luft dafür holte, brach es schon vielstimmig aus CDU-Kehlen hervor: „2015 darf sich nicht wiederholen!“ Vom Kanzlerkandidaten Laschet über Staatssekretär Ziemiak bis zu Ministerin Klöckner stimmten alle mit ein in den vorauseilenden Abwehrzauber. Da blieb der AfD selbst nur noch übrig, einen draufzusatteln und auf ihrer Webseite gleich das Aussetzen des Asylrechts zu verlangen und den Vorrang von Deutschen bei der Rettung einzufordern.

Auch in der SPD ist man sich einig, dass man  neue Flüchtlingsströme verhindern müsse, durch finanzielle Unterstützung vor Ort. Womit ja nun sicher nicht Afghanistan selbst gemeint sein kann, sondern wohl umliegende Länder, die die Flüchtigen dann aufnehmen und vor allem behalten und ihre Grenzen zu Europa dichthalten sollen.

Nicht nur, dass das Ganze ziemlich eklig und zynisch ist – es hat auch mit der Realität wenig zu tun. Zur Zeit ist das Problem doch, dass die Taliban die Leute nicht rauslassen aus dem Land. Nicht einmal den Flughafen erreichen können die in Kabul ansässigen bedrohten Menschen. Von den anderen Provinzen ist gar zu hören, dass da wohl nur noch wenig Hoffnung auf Rettung bestehe. Rücktrittsgründe noch und nöcher – meint meine Nachbarin Barscheck. Glaubt aber auch nicht, dass es tatsächlich dazu kommt. So kurz vor der Bundestagswahl lohnt sich das ja auch irgendwie nicht mehr – die paar Wochen gehen auch noch rum. Hauptsache 2015 wiederholt sich nicht!


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 13.08.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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