Brunners Welt (Foto: SR)

"Heiße Phase."

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 06.08.2021 15:40 Uhr

Nr. 844

Nicht dass Sie denken, ich hätte das noch gar nicht bemerkt: Der Wahlkampf ist in die heiße Phase getreten! Also, jetzt nicht so inhaltlich. Da gibt's ja auch nicht viel zu kämpfen, weil alle eigentlich ja doch das gleiche wollen: Wachstum, Wohlstand, Wirtschaft, Umwelt, Klima, Bildung. Und Digital. Das alles möglichst gemeinsam, zusammen, miteinander. Und Zukunft, die muss auch noch dabei. Darüber sind sich mehr oder weniger alle ernst zu nehmenden Parteien einig. Da gibt's keinen Streit.

"Heiße Phase."
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 06.08.2021, Länge: 04:16 Min.]
"Heiße Phase."

Aber Wahlkampf muss ja sein, also treten die jeweiligen Generalsekretäre der Parteien vor Vertreter*innen der Medien und präsentieren in bester Kaffeefahrt-Manier die neuesten Kreationen ihrer Werbeagenturen. Vorteil: Die vorgezeigten Produkte braucht niemand zu kaufen, wir haben sie ja schon bezahlt.

Selbst um die verwendeten Farben der Plakate, Flyer, Banner, Sonnenschirme und Socken scheint es keine große Auseinandersetzung gegeben zu haben. Jedenfalls ist mir nichts zu Ohren gekommen. Die Grünen haben grün, die SPD bleibt bei Rot, die CDU ist da nicht so ganz festgelegt, aber die haben dafür den Kreis. Wie Generalsekretär Zimiak erklärt, ist das der "Union-Kreis". Und der, so sagt er, "zieht sich wie ein schwarzer Faden durch das Design der CDU". Halt nur immer im Kreis rum.

Schon klar, dass die CDU da keinen roten Faden nehmen kann. Aber Schwarzrotgold durfte der Kreis dann doch auf manchen Druckerzeugnissen sein. Und dazu der Slogan "Deutschland gemeinsam machen." Punkt. Ein Punkt muss hinter jeden Slogan, weil sonst ist das nix. "Scholz Packt Das An." Richtig: Punkt. Hier ist es den Kreativen sogar gelungen, den Parteinamen im Slogan unterzubringen. Scholz packt das an – S-P-D ...A.  Ja, weiß ich auch nicht, was mit dem A ist. Vielleicht war ihnen nur "Scholz packt das" zu nah an Merkels "Wir schaffen das". Keine Ahnung.

Solche Spielchen verbieten sich natürlich für die Union, das Anfangs-C in beiden Parteinamen widersetzt sich da einfach. Deutsche Worte fangen nicht mit C an. Außer natürlich christlich, und das ist Griechisch. Außerdem heißen die ja eh schon so. Auf den Plakaten der Grünen blüht selbstredend in leuchtendem Gelb auf frühlingsgrünem Grund die Sonnenblume. Und was sagt sie uns? "Bereit, weil ihr es seid." Klar: Punkt. Nicht schlecht, wenn auch ein bisschen zweideutig. Sind Anna Lena und Robert deswegen bereit, weil wir bereit sind? Oder sind sie nur bereit, "weil ihr es seid." Wie in "na gut, weil ihr's seid."

Apropos bereit sein: Da gab es tatsächlich eine Art von kämpferischer Aktion! Die SPD hat sich den grünen Claim flugs gekapert – wer diesen Slogan in der Suchmaschine eingibt, landet bei den Sozen! Donnerwetter, so viel Mumm hätte man der Scholzomaten-Truppe gar nicht zugetraut! Freibeuter auf den digitalen Meeren der Domain-Namen.

Dass sich am Look der FDP dagegen niemand vergreifen mochte, wundert nicht wirklich. Sie glauben mit der gleichen Inbrunst, dass Telekom-Magenta auf Quietschgelb mit einem Schuss Computerblau modern ist, wie sie ihre neoliberalen Katechismus-Sprüche für ein zukunftsfähiges Programm halten. "Der Schulweg muss wieder in die Zukunft führen." - Punkt – nicht schlecht, wenn nicht ein Foto Christian Lindners als Illustration dafür hätte herhalten müssen, was dabei alles schief gehen kann.

Meine Nachbarin Barscheck richtet sich ohnehin nicht nach all den Wahlbotschaften, sagt sie. Außerdem: Mit lauwarmen Parolen könne man halt keinen heißen Wahlkampf machen. Punkt.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Nachmittag" am 06.08.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja