Brunners Welt (Foto: SR)

"Grün ja grün sind alle..."

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.07.2021 16:40 Uhr

Nr. 842

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Grün. Also gegen die Farbe. Grüne Augen sind laut Umfragen sexy, vertrauenswürdig und ein wenig geheimnisvoll. Und überhaupt ist grün die Farbe der Natur, der Frische, grün macht zufrieden und glücklich. Sagen die Psychologen.

"Grün ja grün sind alle..."
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 23.07.2021, Länge: 03:58 Min.]
"Grün ja grün sind alle..."

 Wunder also, wenn jetzt in beginnenden Wahlkampfzeiten immer mehr Politiker ihr grünes Mäntelchen aus dem Schrank holen. Grün, ja grün sind alle meine Kleider, weil mein Schatz ein CSU-Mann ist. Das oberste Schätzchen der bayerischen Partei, Markus Söder, zeigt sich ja schon seit dem Bienen-Volksbegehren seiner Untertanen zunehmend in der Wolle gefärbt. Keine Woche, in der er nicht mit irgend einem wehrlosen Tier auf dem Arm, mit Wiesen, Gletschern oder Wäldern im Hintergrund auf Twitter erscheint. Auch einen Baum hat er schon publikumswirksam umarmt – die können sich ja auch nicht so einfach davon machen.

Jetzt aber, nach der jüngsten Flutkatastrophe, nimmt er neuen Schwung in Richtung schwarz-grün und fordert in seiner Regierungserklärung einen "Klima-Ruck", will fünf Jahre früher als die anderen Bundesländer die "Netto-Null" beim CO2-Ausstoß erreichen und überhaupt jetzt endlich ernst machen mit der Klimapolitik. Aber nicht zu ernst, die Abstandsvorschriften bei Windkrafträdern sollen weiterhin neue Anlagen verhindern dürfen, eine Solaranlagenpflicht bei privaten Neubauten kommt auch nicht und das Aus für den Verbrennungsmotor hat er gar nicht erwähnt. Dafür aber einen früheren Kohleausstieg – der Bayern ja nicht weiter betrifft. Hauptsache, es grünt so grün, wenn Söders Blüten blühen. Ruck'n Roll!

Der scheint auch seinem Parteifreund Scheuer in die skandalmüden Knochen gefahren zu sein, jedenfalls zappelt der Verkehrsminister heftig zur grünen Musik aus München. Diesmal geht es ihm um die Bahn. Nämlich "um die Erfüllung von Klimazielen durch das System Schiene". Dabei darf dann "Gewinnmaximierung nicht an oberster Stelle stehen". Und weil der Andreas gerade so schön in Fahrt ist, knallt er noch eine "Digitalisierungsoffensive" hinterher. Aus den Bahnhöfen will er "Mobilitätszentralen" machen. "Da muss es ein sicheres Fahrradparkhaus geben und Ladepunkte für Elektroautos. Und eine Wasserstoff-Tankstelle, die zum einen die Lok betankt und auf der anderen Seite den regionalen Bus." Ja, super, Andy!

Geld dafür ist ja bei der Bahn auch genug da, hat sogar für satte Manager-Boni gereicht trotz Corona und fünf Milliarden Miesen. Außerdem sollen ja "Klimaziele oberste Priorität" haben, dann muss man auch im Betrieb und bei der Infrastruktur "nicht mit spitzem Bleistift" rechnen. Das hätte meine Nachbarin Barscheck ausgerechnet von ihm jetzt auch nicht erwartet. Ob er nun 500 Millionen oder doch 200 mehr mit seinen wirren Mautideen in den Sand gesetzt hat – über dieser Rechnung ist wohl schon so mancher Bleistift stumpf geworden.

Aber diesmal klappt's bestimmt mit der "Bahnreform 3.0". "Wenn man einen breiten Bürgerdialog macht und dokumentiert, dass man das für Umwelt, Mensch und Klima macht, dann wird den Bürgern klar: Wir brauchen die Infrastruktur - und die brauchen wir schneller." Ja freilich, so isses, genau, Andy. Nur ob die BürgerInnen dafür dann wirklich Dich und den Söder wählen oder nicht doch lieber die richtigen Grünen? Abwarten und Tee trinken. Grünen am besten, der stoppt die freien Radikalen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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