Brunners Welt (Foto: SR)

"Lauflichter"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.07.2021 15:40 Uhr

Nr. 841

Nicht dass Sie denken, ich hätte noch gar nicht bemerkt, dass die Fußball-EM – ja Barscheck, die der Männer – zu Ende ist. Selbst mir ist klar geworden, dass das nächtliche Hupkonzert unserer italienischen Freunde am Sonntag den endgültigen Abpfiff des fußballerischen und pandemischen Großereignisses darstellte.

Lauflichter
Podcast [SR 2, SR 2 KulturRadio, 16.07.2021, Länge: 04:07 Min.]
Lauflichter

Soweit so gut. Spukten da nicht immer noch seltsame Laufschriften in meinem Hirn umeinander. Nächtliche Bandenwerbung, die irgendwie nach Beendigung ihrer Mietzeit im Hintergrund der Fußballübertragungen in meinem Traumzentrum Asyl gefunden hat. Selbst chinesische Schriftzeichen suchen mich im Schlafe noch heim. Deren Vorhandensein konnte ich mir in der Realität zunächst nicht erklären, bis mir klar wurde, dass ja fünf der Hauptsponsoren dieser EM chinesische Unternehmen waren: Hisense, Vivo, Alipay, Tiktok und Wanda. Wobei das Online-Bezahlsystem Alipay ebenso wie das Immobilienunternehmen Wanda hierzulande eher nicht in Erscheinung tritt. Aber natürlich wird auch im Mutterland China Fußball geguckt und Werbung dazu geliefert. Alles klar.

Wer nun bedenklich den Kopf wiegt ob dieses massiven Aufmarsches der Konzerne aus dem Reich der Mitte – von wegen Industriespionage, Menschenrechtsverletzungen, Überwachung, Pressezensur – , der ist zwar sicherlich moralisch im Recht, sei aber darauf verwiesen, dass es hier erstens darum geht, Kasse zu machen, zweitens die ganze Aktion ja schließlich „Bandenwerbung“ heißt. Und da fügen sich auch die beiden „Präsentatoren“ der europäischen Kickerei ganz harmonisch mit ein: VW und Qatar Airways. Die Autobauer bekannt und überführt für ihre Rolle im organisierten Abgasbetrug, die Flieger Unternehmen eines Staates, der nicht gerade durch sein Eintreten für Menschenrechte bekannt ist.

Erst diese Woche hat eine neue Studie festgestellt, dass die Arbeitsbedingungen der zur Vorbereitung und Ausrichtung der WM im nächsten Jahr ins Emirat geholten Arbeiter nach wie vor unter aller Sau ist. Abgesehen davon ist Qatar beispielsweise auch ein Land, in dem homosexuelle Handlungen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Da hat sogar der Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter damals um Respekt gebeten. Genauer: Die gleichgeschlechtlich orientierten Damen und Herren in der Fangemeinde darum, während ihres Aufenthaltes in Qatar „auf Sex zu verzichten“. Aus „Respekt für den Gastgeber“. So rum wird ein Fußballschuh draus.

Ansonsten tummelten sich auf den Werbeflächen des Wembley Stadions noch Gazprom, schnell eingesprungen für einen Energiekonzern aus Aserbaidschan und, unübersehbar, „Just Eat“, hierzulande unter dem Namen Lieferando unterwegs und allseits im Gespräch für miese Bezahlung und lückenlose Überwachung seiner Fahrerinnen und Fahrer ebenso wie für seine Versuche, Betriebsratsgründungen zu verhindern. Eine halbe Milliarde Euro hat diese ganze Bande der UEFA für ihre Präsenz im Stadion bezahlt. Starkes Argument.

Übrigens, merkt meine Nachbarin Barscheck an, waren 2021 65 % der deutschen Befragten der Meinung, dass die deutsche Nationalmannschaft die WM in Qatar boykottieren solle. Wär aber grundverkehrt, sagt die FIFA, stattdessen solle die WM ein "Motor für Entwicklung" sein, um in Qatar Arbeits- und Sozialstandards zu verbessern. Ach so. Das klappt bestimmt. Bis dahin hoffe ich auf einen gnädigen Stromausfall bei der Bandenwerbung, wenigstens in meinem Hirn zur Schlafenszeit.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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