Brunners Welt (Foto: SR)

"Fußball gucken"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.07.2021 16:40 Uhr

Nr. 839

Nicht dass Sie denken, ich guckte nicht Fußball. Also ich hätte nicht geguckt. Weil jetzt gucke ich tatsächlich nicht mehr – Deutschland spielt ja nicht mehr mit. Ich habe keine Ahnung warum, aber tatsächlich gucke ich nur bei Welt- und Europameisterschaften überhaupt Fußball und dann auch nur Spiele der deutschen Mannschaft. Es ist mir auch peinlich, aber anscheinend wohnt irgendwo in einer Ecke meines Hirnes ein kleiner Nationalist, der zu diesen seltenen Anlässen dann auch mal auf die Tribüne will.

"Fußball gucken"
Podcast [SR 2, 02.07.2021, Länge: 04:01 Min.]
"Fußball gucken"

Außerdem interessiere ich mich eigentlich nicht für Fußball und ich verstehe auch nichts davon. Das hat Vorteile. Zum Beispiel weiß ich nicht schon vorher, wer wahrscheinlich warum gegen wen gewinnt. Und muss mich deshalb auch hinterher nicht so schrecklich aufregen, wenn dann der andere gewonnen hat. Dafür habe ich ausreichend Kapazitäten frei, um mich vor dem Fernseher mit dem ganzen Drumherum zu beschäftigen, was den wahren Fußballfan überhaupt nicht interessiert. Angefangen von der Bandenwerbung und der Frage, ob es tatsächlich Fußballfans gibt, die sich nach dem Schlusspfiff noch an die Bank, die Versicherung oder die Fluglinie erinnern, die sich Ihnen da präsentiert hat. Und ob das ganze Geblinke und Geflacker und Geleuchte nicht doch für den einen oder anderen Fehlschuss verantwortlich sein mag.

Ich betrachte staunend die neuesten Neonfarben der Fußballerschuhe und wundere mich, warum die hochbezahlten Balltreter vor Begeisterung über eigene Glanzleistungen meterweit auf Knien über den Rasen schlittern können, offenbar ohne sich Schürfwunden dabei zuzuziehen. Ich denke darüber nach, warum so viele Menschen nur zu gerne Manuel Neuer die kleine Regenbogenbinde vom Athletenarm reißen möchten und sich darüber empören, dass Spieler im Stadion per Kniefall ihre Solidarität mit Menschen anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung ausdrücken.

In diesem Zusammenhang: Ab wann genau ist eigentlich ein Regenbogen ein Regenbogen? Hätte man nicht vielleicht durch das Weglassen einiger unwichtigerer Farbtöne des Gesamtspektrums den homophoben Ungarn-Chef umdribbeln und das Münchner Stadion dennoch menschenfreundlich illuminieren können? Ich hätte mich anschließend auf die Physikexperten im Sportstudio gefreut.

 60.000 Zuschauer*innen sollen live in Wembley beim Finale dabei sein dürfen! Dürfen gut, aber wer will das? Nachdem sich nun herausgestellt hat, dass sich bei den Spielen und drumherum allein schon fast 2000 schottische Fans infiziert haben! Aber das kapier ich nicht, ich verstehe ja nichts von Fußball.

Dafür mache ich mir Sorgen um die psychische Gesundheit deutscher Hooligans und anderer Hardcore-Fußballfreunde, die nun nicht nach England reisen dürfen und ihr aufgestautes Gewaltpotenzial weiterhin in den massigen Körpern halten müssen. Wohin mit dieser in eineinhalb Coronajahren aufgestauten destruktiven Energie? Das Zeug muss doch raus! Vielleicht könnte man in Analogie zu Streichelzoos irgendwelche Klopper- Reservate einrichten? Bestückt mit Nashörnern und Gorillas beispielsweise, oder auch Godzilla meinetwegen, die wohl den meisten Hooligans standhalten würden. Und vermutlich auch deutlich klarmachen könnten, wenn es ihnen zu doll wird.

Nein, mein ich ja nicht ernst, liebe Tierfreunde. Sowas geht mir halt beim Fußball gucken durch den Kopf. Wenn meine Nachbarin Barscheck nicht mit einer gut gekühlten Flasche Bier an meine Tür geklopft hätte, um mich über das Ausscheiden der deutschen Elf zu trösten, ich hätte das Debakel gar nicht begriffen. Ich interessiere mich halt nicht für Fußball. Aber von Zeit zu Zeit guck ich doch gerne.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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