Brunners Welt (Foto: SR)

"Curricula Vitae"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.06.2021 16:20 Uhr

Nr. 837

Nicht dass Sie denken, ich wäre auf dem grünen Auge blind. Zum einen sind meine beiden Augen grau blau, zum anderen sollte das ohnehin nur eine Analogie sein. Von wegen "auf dem rechten Auge"… Sie wissen schon. Jedenfalls finde ich das ganze Theater um die Lebensläufe von Frau Baerbock ziemlich uninteressant. Sie hat ja nicht eine Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Gruppierung verschwiegen oder eine gefälschte Doktorarbeit vorgelegt. Soll ja beides auch schon vorgekommen sein.

"Curricula vitae"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 18.06.2021, Länge: 03:59 Min.]
"Curricula vitae"

War halt nur ein bisschen aufgehübscht, Anna Lenas CV. Wie Fachleute sagen: Durchaus noch im Rahmen des Üblichen. Lustig auch zu sehen, wie bei den anderen Kandidaten nun plötzlich ebenfalls das Großreinemachen im Lebenslauf anfing. Armin Laschet hat nun doch eine Dozententätigkeit, bei der er sich nicht gerade mit Ruhm beklettert hatte, in seine offizielle Vita aufgenommen, während Olaf Scholz noch ein wenig an der Chronologie feilen musste. Nun gut.

Ohnehin, so formuliert es der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, gelten der Wissenschaft "Erinnerungen prinzipiell als datengestützte Erfindungen". D. h. zum einen, wir alle leben mit einem Erinnerungsschatz, der zum größten Teil erfunden ist, vom zuständigen Teil unseres Gehirns so zusammengebastelt, dass insgesamt eine befriedigende Geschichte rauskommt. Dazu kommen, gerade bei politisch tätigen Menschen, ja auch noch Erinnerungslücken und Blackouts, die regelmäßig vor Untersuchungsausschüssen gehäuft auftreten.

Olaf Scholz beispielsweise konnte sich in Sachen "Cum-Ex-Affäre" zwar an Treffen mit den Warburg-Bankern erinnern, nicht aber an den Inhalt der Gespräche. Dumm sowas. Definitiv jedenfalls habe er dabei nichts Unrechtes gesagt oder getan. Vermutet er – erinnern kann er sich ja nicht. Spannende Geschichte.

Aber, klar, die Ungereimtheiten in der Vita Frau Baerbocks sind spannender. Sie ist noch relativ neu im politischen Gewerbe, eine Grüne, jung und noch dazu eine Frau. Nicht, dass ich alle Kritik an der grünen Kandidatin nun als misogynes Altherren-Genörgel abtun möchte, aber zumindest sind keine angeblichen Nacktfotos von Herrn Laschet oder Herrn Scholz im Internet aufgetaucht. Glücklicherweise, wie meine Nachbarin Barscheck schaudernd anmerkt. Und Männer werden auch deutlich seltener gefragt, wie sie denn eine politische Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen gedächten.

Bitte wieder zurück zur Debatte über die Vorstellungen der Kandidat*innen, wie sie denn nun mit den anstehenden Problemen umgehen wollen. Etwaige Fehler, Schönungen oder Auslassungen im Lebenslauf sind ohnehin eher den Berater*innen der Aufgestellten anzulasten. Die doch bitte die "Erfindungen" der Kandidatenhirne mit den Daten abgleichen sollten.

Schlimm genug, dass das Erinnerungsvermögen der Wählerinnen und Wähler, also unseres, mindestens genauso schwach und unzuverlässig ist, wie das der zu Wählenden. Anders sind manche Wahlergebnisse gar nicht zu erklären. Meine Nachbarin stört allerdings, dass sich die Grünen offenbar nicht einmal mehr an ihre pazifistische Vergangenheit erinnern können. Die, so meint sie, könnte man durchaus noch mal auffrischen.

Was Lebensläufe angeht, schwärmt Frau Barscheck noch heute von der Schlagfertigkeit einer ihrer Freundinnen. Die wurde bei einem Bewerbungsgespräch vom Personalchef besorgt angesprochen: "Sie haben da eine Lücke in ihrem Lebenslauf...". Und antwortete daraufhin strahlend: "Ja, war geil!" Ob sie die Stelle bekommen hat, weiß ich leider nicht. Wär aber schön.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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