Brunners Welt (Foto: SR)

"Birkenstock"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 11.06.2021 16:40 Uhr

Nr. 836

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders modebewusst. Eher kein "dedicated follower of fashion", wie ihn die Kinks in ihrem berühmten Lied besangen. Als Angehöriger der achtundsechziger Generation gab es dazu auch wenig Gelegenheit. Erst zog man an, was die Mutter einem herausgelegt hatte, dann das, was eben gerade herum lag, stand oder hing. Modische Individualität zeigte sich bestenfalls daran, wie stark der Parka schon verblichen war. Noch bestimmte das Sein das Bewusstsein, nicht das Design.

"Birkenstock"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 10.06.2021, Länge: 04:13 Min.]
"Birkenstock"

Auch angeblich bewusstseinserweiternde Drogen, erweiterten definitiv nicht das Mode-Bewusstsein. Kleidung musste Demo-tauglich sein – ich sage nur: Wasserwerfer – und am besten Second-Hand. Es stellte sich heraus, dass zum Kampf gegen den Vietnamkrieg, Militarisierung und Rüstungsindustrie  Kleidungsstücke aus dem Army-Shop besonders geeignet waren. Egal, ob sie nun vorher der deutschen Bundeswehr oder der amerikanischen Army gedient hatten.

Als dann im Jahre 1983 die Grünen in den Bundestag einzogen, war das auch modisch ein Paukenschlag. Es war unter anderem der Erstkontakt der gummibelegten Gesundheits-Korksohle aus dem Hause Birkenstock mit dem edlen Parkett des Parlamentes. Ein kleiner Schritt für die Ökos, aber doch ein Tritt ins Gesäß des Schweinesystems. Die neuen Bundestagsabgeordneten trugen zur Gesundheitssandale Jeans und Lusekofte, also Norweger Pullover. Das Wort klingt besser, als das Kleidungsstück aussieht. Während gänzlich uninteressanter Auslassungen des politischen Gegners wurde auch gerne das Strickzeug ausgepackt. Ein Skandal – noch war an daddeltaugliche Kleinelektronik auf dem Abgeordneten-Pult nicht zu denken.

Die traditionsreiche Birkenstock-Sandale war geradezu der Inbegriff der alternativen Öko-Hanseln und -Greteln. Undenkbar, dass sich eine Abgeordnete aus den Reihen der Grünen mit messerscharfen High-Heels, wie sie derzeit Frau Baerbock trägt, hätte erwischen lassen! Tempi passati. Seufz!

Die Firma Birkenstock gehört mittlerweile einem gewissen Bernard Arnault, Besitzer der Firma LVMH, unter deren Dach sich Edelmarken wie Louis Vuitton, Bulgari oder der New Yorker Juwelier Tiffany versammeln. Herr Arnault ist der zweitreichste Mann der Welt, LVMH dreimal so viel wert wie Volkswagen. Und in diesen Society-Kreisen nun die alten Birkenstock-Öko-Klapperlatschen? Müssen demnächst dünnbeinige Models über die Catwalks der Welt birkenstöckeln? Bei den Oscarverleihungen im Jahr 2018 trug Frances McDormand qietscheentchengelbe "Birks" zur Designer-Robe in pink.

Ehrlich, nicht nur, dass mich natürlich die Verwandlung des aufrechten Alternativ-Schuhwerks in eine Stilikone des Jetsets und der modischen Glitzer-Halbwelt schmerzt: Der Glamourfaktor der Treter ist doch trotz allem immer noch gleich null. Es bleibt schwer vorstellbar, wie man aus dem fußgesunden Korkbett der Angebeteten stilsicher den Champagner schlürfen sollte. Oder auch nur zielsicher.

Meine Nachbarin Barscheck lächelt da nur abgeklärt und behauptet, die modischen Statements der einstigen Alternativen seien auch damals schon mehr Schein als Sein gewesen. Sie verweist auf Joschka Fischer, dessen weiße Turnschuhe bei der Vereidigung zum hessischen Umweltminister ein Skandal waren. Ihm war das peinlich, gab er nun zu. Lieber hätte er angemesseneres Schuhwerk getragen, aber seine Partei bestand auf Turnschuhen. Die stehen inzwischen im Museum. Nicht an ihren Schuhen sollt ihr sie erkennen, sagt Frau Barscheck. Und Sandalen hätten ihr ohnehin noch nie gestanden.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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